Das Christentum erklärt anhand von 5 Bibelversen

[Es folgt ein Vortrag von Rod Rosenbladt, den ich ins Deutsche übersetzt habe. Das englischsprachige Original kann man bei 1517thelegacyproject lesen oder hören.]

In Jesu Namen. Amen.

Ich beginne mit einer wahren Geschichte. Es ist eine Geschichte, die ich als Pastor hier in Orange County (Kalifornien) erlebt habe. Vor vielen Jahren diente ich als Vertretungspastor in einer lutherischen Gemeinde, die nicht der Missouri-Synode angehörte. Ein Vertretungspastor ist nur begrenzte Zeit in einer Gemeinde. Er soll die Dinge so gut es geht zusammenhalten, während die Gemeinde in einem Prozess, der viel zu lange dauert, einen neuen Pastor beruft. Man hält die Dinge eben notdürftig mit Kaugummi und Draht zusammen.

Eines Tages – es war an einem Sonntag – sprachen wir in der Bibelstunde darüber, dass jeder Christ dazu berufen ist, anderen Menschen das Evangelium zu bezeugen. Ihnen schlicht und einfach „die Geschichte“ zu erzählen. Bevor die Menschen an diesem Sonntag nach Hause gingen, gab ich ihnen eine Aufgabe für die kommende Woche mit. Die Aufgabenstellung sah so aus: Stelle dir eine Situation vor, in der dich ein enger Freund danach fragt, was das Christentum sei. Was es damit auf sich hat.

Stelle dir dazu die bestmöglichen Bedingungen vor. Mit deinem Freund verbindet dich eine enge und langjährige Freundschaft. Kinder, die einmal in der Woche miteinander spielen. Wo es ganz normal ist, sich jede Woche anzurufen und über dies und das zu sprechen. Vielleicht fährt man sogar mit den Familien jeden Sommer zusammen in den Urlaub. Dein Freund hält dich für ehrlich, intelligent, wohlwollend usw. Er respektiert dich in jeder Hinsicht. Ohne jeden Vorbehalt. Er ist jemand, der – mit Luthers Worten – für dich stets „alles zum besten kehrt“.

Die Aufgabe lautete also, sich ein Stück Papier zu nehmen und die Antwort auf die Frage des Freundes aufzuschreiben, die da lautet: „Was ist das Christentum?“  Der Zettel sollte dann am nächsten Sonntag mitgebracht werden. So weit, so klar? Am folgenden Sonntag schaute ich in die Gesichter von 50 klugen Lutheranern, die versucht hatten das Wesentliche zu Papier zu bringen und dabei merkten, dass sie es einfach nicht konnten. Um und bei 50 leere Zettel.

Was ich nun mit Ihnen in den nächsten wenigen Minuten vorhabe, ist so grundsätzlich, so wesentlich, dass es fast schon peinlich ist, diese Worte auszusprechen. Und selbst diese Worte sind nicht meine. Ich habe sie gestohlen. Von wem? Von C. S. Lewis und seinem Essay „Das Gewicht der Herrlichkeit“. Lewis schrieb darüber, dass Gott sich an uns erfreut. An uns, denen er Christus angezogen hat. Lewis sagte, dass er bei diesen Worten vor Scharm errötet (und man beachte, dass man als ein echter englischer Gentleman eigentlich niemanden beschämt), aber er würde diesen Satz dennoch verteidigen: Gott erfreut sich an uns, die er in Jesus als seine Kinder angenommen hat.

Auch wenn es sich so beschämend einfach einhören mag, will ich heute Morgen zu Ihnen über die wesentliche Botschaft des Christentums sprechen. Anhand von fünf Bibelversen. Ich habe fünf Verse ausgesucht, die mir seit meiner Zeit mit den Navigatoren vertraut geworden sind. Teilweise musste ich sie auch im Konfirmandenunterricht auswendig lernen. Aber man könnte das Ganze auch genau so gut mit dem ein oder anderen halben Duzend weiterer Bibelverse tun.

Wie ginge das? Nun, wen du im Besitz einer Studienbibel bist, dann schlage in dieser Studienbibel die 5 Verse auf, die ich verwenden werde. Deine Studienbibel wird dich mit zahlreichen Parallelversen versorgen. Es ist von großem Vorteil, wenn man eine Studienbibel so benutzen kann. Gerade, wenn man es noch niemals zuvor getan hat. Oder wirf einen Blick in deine Dogmatik (Die Dogmatik von Muhler und Maas hat sogar eine bessere Auswahl an entsprechenden Bibelversen als unsere dreibändige Standard-Dogmatik von Franz Pieper).

Aber warum sollte man das überhaupt tun? Nun, um „die Geschichte“ zu erzählen braucht es eben ein Grundmaß an Struktur. Oder so etwas wie eine Landkarte.  Hinzu kommt noch, dass religiöse Gespräche die Tendenz haben, abzuschweifen und auf Abwege zu geraten.  Viel zu oft kommen wir gar nicht durch die ganze Geschichte, weil wir oder unser neugieriger Freund vom Thema abkommen. Wir folgen Alice in die verschiedensten Kaninchenlöcher und kommen so in einem seltsamen Wunderland an.

Also. Du magst fragen: „Was ist  das Thema von jedem der besagten fünf Verse?“

  1. Dass alle Kinder von Adam und Eva – in erster Linie ich und du – gesündigt haben.
  2. Dass die Strafe für die Sünde der Tod ist: zunächst körperlich, dann aber für alle Zeiten in der Hölle.
  3. Dass Jesus Christus unsere Strafe durch seinen Tod am Kreuz bezahlt hat, für jeden einzelnen von uns.
  4. Die Rechtfertigung vor Gott ist ein reines Geschenk, im Gegensatz zu einer Angelegenheit, die unserer Werke betrifft. Und
  5. Die Gewissheit, dass man wirklich vor Gott gerechtfertigt ist – jetzt und für alle Zeit.

Zwei Vorbemerkungen. Erstens hat all das nichts Mechanisches an sich, wie es etwa bei den „vier geistlichen Gesetzen“ von „Campus für Christus“ der Fall ist.  Dir wird manch ein Mann oder manch eine Frau begegnen, die die Stimme des Gesetzes so im Ohr haben, sie so verinnerlicht haben, dass du die ersten beiden Verse getrost überspringen kannst. Sie sind vom Gesetz bereits so gebrochen, dass es vollkommen unnötig ist, das Gesetz auch nur ein kleines Stücklein weiter zu treiben.

In diesem Fall überspring die Verse, die vom Gesetz handeln. Geh weiter zu Christus. Geh zu seinem Tod und was sein Tod gebracht hat. Geh zu dem, was Rechtfertigung ist. Warum? Dein Hörer hat die schlechte Nachricht bereits erhalten. Aber er braucht es immer noch, dass du ihm die gute Nachricht erklärst.

Zweitens solltest Du im Vorfeld wissen, dass du oftmals gefragt werden wirst, woher du eigentlich weißt, dass das Evangelium, von dem du sprichst, auch wahr ist. Nicht bloß hilfreich, sondern wahr. Für diesen Fall empfehle ich unsere Apologetik-Seminare hier. Egal ob bei mir oder bei Dr. Maas oder Dr. Fransisco. Wir machen alle so ziemlich dasselbe. (Anmerkung: Dr. Rosenbladt hat an der Concordia University Irvine unterrichtet und bezieht sich hier auf die Angebote der Universität).

Also. Lasst uns schnell einen Blick auf jeden der fünf Verse werfen.

Erstens: Dass wir – in erster Linie ich selbst und nur dann auch die Person, mit der ich spreche – Sünder sind.

Römer 3,23: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen.“

Die Bibel ist an Rebellen adressiert, die ihren Schöpfer hassen. Also an mich und an dich. Der klassische Text hierfür ist natürlich die Geschichte vom Sündenfall in Genesis 3. Aber es gibt ebenfalls neutestamentliche Parallelstellen. Zum Beispiel der erste Teil des 3. Kapitels im Römerbrief des Heiligen Paulus. Dunkle, dunkle, dunkle Zeilen. Zeilen über mich und über dich. Das ist natürlich nicht sonderlich beliebt. Bereits C. S. Lewis sagte in „Pardon, ich bin Christ“: Die christliche Geschichte beginnt mit einer schlechten Nachricht.

Jesus sagte einmal, dass nur wer krank ist und auch darum weiß, einen Arzt aufsuchen wird (Mk 2,17). Wer sich für gesund hält und eben nicht zu Tode krank, der wird sich für den Arzt nicht interessieren. Dabei empfehle ich, dass wir uns selbst als Anschauungsmaterial wählen, wenn wir über Sünde sprechen. Gott weiß, da findet sich mehr als genug. Wir verzichten darauf, die Sünde unseres Gegenübers zu thematisieren. Wir gehen die Sache autobiographisch an. Unser Gesprächspartner wird 1 und 1 zusammenzählen können, zwischen dem, was wir über uns, über alle Menschen sagen und zwischen ihm oder ihr – ganz ohne unsere Hilfe. So empfehle ich, dass wir viele „Ich’s“ statt „Du’s“ verwenden, wenn wir einer säkularisierten Generation Sünde verständlich machen wollen.

Unglücklicherweise kommen wir nicht darum herum,  in unserer therapeutisch geprägten Gesellschaft einen weiteren wichtigen Unterschied herauszustellen. Zwischen dem „Schuldgefühl“ einerseits und der Tatsache andererseits, dass wir alle grundsätzlich schuldig sind. Die Bibel hat an letzterem ein ausgesprochen hohes Interesse, nicht jedoch so sehr an ersterem. Will ich mein eigenes Versagen verdeutlichen, kann ich das gut mit Bezug auf die 10 Gebote tun. Dazu reicht bereits das erste Gebot (man lese dazu Luthers Katechismen). Und noch einmal: Es geht nicht um das Versagen meines Gegenübers, sondern um mein eigenes. Im Angesicht von Gottes Gesetz. Wie ich gehört habe, machen andere das Gleiche. Nur dass sie statt der 10 Gebote die Bergpredigt von Jesus verwenden.

Unser wesentliches Problem ist nicht, dass wir uns schuldig fühlen. Zumindest nicht nach der Heiligen Schrift. Sondern das wir schuldig sind. Die Hauptsache, die wir rüberbringen müssen, ist, dass wir alle bereits verdammt sind. Dass wir bereits jetzt einem vollkommen heiligen und gerechten Richter ins Angesicht blicken und gegenwärtig unter seinem vollkommen gerechtfertigten Urteil stehen, das uns verdammt. In dieser Abschlussarbeit werden die Noten nicht an den Klassenschnitt angepasst. Es gibt nur zwei Noten. Ein „sehr gut“ und ein „ungenügend“. Der Maßstab für die Beurteilung ist Gottes Gesetz. Und dieses Gesetz, von dem wir in der Bibel lesen, setzt uns Schachmatt. Jeder von uns sitzt in seiner Zelle im Todestrakt. Und das Todesurteil ist bereits gesprochen.

Dass das Todesurteil des Richters vollstreckt werden wird, ist alles, was wir noch erwarten dürfen. Es sei denn, es gibt einen, der eingreift. Einer, der größer ist als wir. Einer, der nicht die Krankheit zum Tode in sich trägt. Ein Befreier, ein Held, größer als wir.

Zweitens: Dass die Strafe für die Sünde der Tod ist. Der leibliche Tod und der ewige Tod.

Römer 6,23: „Denn der Sünde Sold ist der Tod.“

Diese Verbindung zwischen Sünde, Tod und Gesetz, die wir in der Bibel finden, betrifft die ganze Menschheit, nicht in erster Linie nur mich, meinen persönlichen Tod und meine persönliche Sünde. Aber wie auch immer. Es läuft doch alles auf das Gleiche hinaus. Ich bin bereitwillig ein Angehöriger dieser  gefallenen und sündigen Art. Jener Art, die wir Menschen nennen. Du bist es auch und ebenso dein Gesprächspartner: Heide oder Jude, es macht keinen Unterschied.

Ich – Rod Rosenbladt – habe  bereitwillig und täglich, voller Stolz und voller Freude den vollkommen gerechten Zorn Gottes gegen mich angehäuft. Seine vergeltende Gerechtigkeit. Wenn ich mir im Gericht von Gott wünsche, dass er mir gibt, was ich verdiene, dann wird er es tun. Wenn ich auf irgendeine Weise von mir denke, dass ich Gnade und Erbarmen nicht nötig habe; wenn ich bloß Gerechtigkeit will – oder „Fairness“ – dann wird Gott dieser Bitte entsprechen. Ob mir das aber zu meiner Freude oder zu meinem Grauen gereichen wird, ist eine andere Frage.

Drittens: Christus hat in seinem Tod am Kreuz meine und deine Schuld bezahlt.

Römer 5,8: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“

Ich habe bereits ausgeführt, dass wir nichts anderes verdienen als eine Hinrichtung und anschließend die ewige Verdammnis. Nicht nur für die Sünden, die wir jeden Tag neu begehen, sondern gerade für die Sünde, wie wir von Adam ererbt haben. Und wenn uns die eine nicht drankriegt, wird es die andere tun. Wir schneiden nach beiden Zählweisen schlecht ab. Aber erstaunlicherweise wurde der vollkommen heilige und gerechte Gott einst in der Menschheitsgeschichte – nämlich „zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“ –  einer von uns, nahm unseren Platz ein und teilte seine Gerechtigkeit nicht auf uns aus, sondern auf sich selbst.

Freunde, das ist das Christentum. Im Christentum geht es nicht um moralischen Fortschritt, Veränderung, Gemeinschaft, Glücklich sein oder ähnlichen Krams. Es geht um den verletzten König, der sein Leben und Blut gibt, um die zu retten, die ihn hassen. Also dich und mich. „Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jesaja 53,5-6). Der Heilige Paulus sagt es so: Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“  (2. Korinther 5,21). Der Heilige Petrus: „Er – Jesus – hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz.“ (1. Petrus 2,24).

Gott musste all dies nicht tun – aber er hat es trotzdem getan. Wenn du in eine Kirche gehst und dies ist nicht das Wesentliche, nicht das Zentrum vom dem, was dir jeden einzelnen Sonntag gesagt wird, dann habe ich einen Ratschlag für dich: Bloß raus da! Wechsel die Gemeinde! Wenn diese erstaunliche Nachricht von dem, was Gott für dich an jenem Karfreitag vor 2000 Jahren getan hat, nicht das Entscheidende ist, das alles bestimmende Zentrum, die alten lutherischen Väter hätten wohl gesagt, dass es sich wahrscheinlich gar nicht mal um eine Kirche handelt, zu der du gehst. Es mag irgendeine Form von wöchentlicher Zusammenkunft sein, aber eine Kirche ist es nicht.

Und es interessiert mich auch nicht, wie oft der Lobpreisleiter den Namen „Jesus“ in den Mund nimmt. Wenn es nicht ausdrücklich um den Jesus geht, der blutete, starb, dich mit Gott versöhnt hat, den Zorn Gottes für dich gesühnt hat, dich durch das Blut seines Kreuzes als sein Kind angenommen hat, oder wenn es nicht ausdrücklich um Gott geht, der dir reichlich und täglich deine Sünde um des Blutes und Todes Christi Willen vergibt, dann ist der Jesus des Lobpreisleiters nicht der Jesus des Neuen Testaments.

Im Christentum geht es nicht um moralischen Fortschritt. Es geht um Stellvertretung. Der Unschuldige stirbt für die Schuldigen. Dementsprechend geht es im Christentum nicht in erster Linie um Rezepte für gesunde Beziehungen, gelingende Kindererziehung, die richtige Partnerwahl, den Weg zu einer intimen Ehe, einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld oder was auch immer. Von Hause aus kehre ich zu meinen vermeintlichen Bedürfnissen zurück wie ein Hund das frisst, was er ausgespien hat. Und ich wette, dass es dir nicht anders geht. Darum brauchen wir einen Pastor, der uns den gekreuzigten Jesus vor Augen malt. Der uns Jesus in unseren Gehörgang hineinpredigt. Jesus, wie er für uns stirbt. Die gute Nachricht von dem, was der Tod Jesu bewirkt hat.

Der uns das predigt, wozu wir von Hause aus nicht geneigt sind: Die Tiefe unserer Sünde; und das irgendwie der Jesus des Neuen Testamentes noch viel größer ist als diese Sünde. Und dass er dafür freiwillig sein Leben niedergelegt hat und – indem er an unserer Stelle starb – irgendwie unseren Tod für uns besiegt hat. Im Christentum geht es nicht um uns. Es geht um Jesus, wer er ist und was er für uns getan hat. Unsere Rolle dabei ist die eines Bettlers, der das empfängt, was von Jesu Wesen und seinem Sterben uns zu Gute überfließt. Es geht um Jesus und darum, wie sein Tod uns irgendwie mit Gott versöhnt hat. Einfach gesagt: Jesus und sein stellvertretender Tod hat mein wirkliches Problem gelöst, nämlich die Sünde, ungeachtet der Tatsache, dass ich mir einbilde, dass tausende von irdenen Problemen meine wirklichen Probleme wären.

Die Schrift sagt, dass ich nicht einmal dazu imstande bin, mein wirkliches Problem zu erkennen oder zu diagnostizieren. Ich erfinde andere Probleme, halte sie für meine wirklichen Probleme. Darum brauch die die Bibel, damit sie mir wieder und wieder mein wirkliches Problem vor Augen hält: dass ich Gott hasse. Aber wie gesagt, nicht nur das. Ich brauche einen Pastor, der mir erzählt, dass Jesu Blut und Tod mich aus dem Problem befreit haben, von dem ich nicht einmal wusste, dass es mein Problem war. Und dass es funktioniert hat.

Woher weiß ich, dass es funktioniert hat? Gott steh uns bei! Ich weiß es eben nicht dadurch, dass es mich dazu bringt, moralisch zu wachsen oder Tag um Tag ein bisschen besser zu werden. Oder dadurch, dass ich glücklicherer werde. Oder dadurch, dass ich „Jesus erfahre und erlebe“ – was auch immer das bedeutet, ich habe keine Ahnung. Allein aus einem Umstand soll ich wissen, dass das Kreuz tatsächlich das bewirkt hat, von dem Jesus sagte, dass es das tun würde. Nämlich aus der Tatsache, dass der Vater seinen Sohn aus dem Grab auferweckt hat. Drei Tage nachdem Du und ich ihn – nebenbei bemerkt – getötet haben, an diesem dunklen Freitagnachmittag.

Viertens: Dass Rechtfertigung – oder allgemeiner gesagt unsere Rettung – ein vollkommenes Geschenk ist und meinerseits oder deinerseits keiner guten Werke bedarf.

Epheser 2,8-9: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“

Die einzige Gerechtigkeit, die für Sünder die Himmelstür öffnet, gehört einem anderen. Im Grunde geht es im Christentum um das, was der Vater für mich und dich im Tot seines eingeborenen Sohnes an jenem Karfreitag getan hat und tut. Was ist unser Anteil an diesem Geschäft? Unser Anteil ist die Sünde.

Und wenn wir mit jemandem über Gnade sprechen, dann reden wir von dem, was die alten Väter die „favor dei propter christum“ genannt haben – das Wohlwollen Gottes um Christi willen. Wir sprechen von Jesu Leben, dass er um unseretwillen im Gehorsam gegen das Gesetz gelebt hat, aber besonders von seinem Kreuz, Blut und Tod an unser statt. Gnade ist das Gegenteil von Verdiensten. Das eine ist ein reines Geschenk. Das andere ist Bezahlung. Ich habe vorhin bereits erläutert, dass du und ich uns den Tod verdient haben. Das ist unser wohlverdienter Lohn. Anders ist es bei dem Geschenk des neuen Lebens. Wir wurden von einem anderen erlöst, so dass wir in ihm Anteil haben an Gottes Wohlwollen.

Gott hat einen Weg gefunden, selbst gerecht zu sein und den gerecht zu machen, der da ist aus dem Glauben an Jesus (Römer 3,26). Das biblische Schlüsselwort hierfür lautet imputatio – Zurechnung. Die Bibel sagt, dass uns Adams Sünde zugerechnet wurde. Doch dann geschah das, was wir nicht kommen gesehen haben. Gott rechnete unsere Sünde anstelle von uns seinem Sohn zu. Und wer Jesus war und was er tat, hat der Richter uns zu Gute angerechnet. Der Richter erklärt, dass unsere Sünde ihm und nicht uns angerechnet wurde.

Luther nennt dies den „fröhlichen Wechsel“. Der gerechte Richter erklärt all die, die in Christus sind, für gerecht. Mit einem Knall saust der Hammer im himmlischen Gerichtssaal nieder. Die Stimme des Richters erschallt: „Ich erkläre dich für unschuldig.“ Ich flüstere bei mir selbst: „Ich bin doch von Kopf bis Fuß schuldig. Immer noch. So ganz und gar. So augenfällig.“ Der Richter hört mich flüstern und bringt die Sache eindrucksvoll zu Ende:

„Ich bin der Richter in diesem Saal und mein Urteil kann von keinem angefochten werden. Auch nicht von dir, Rod Rosenbladt. Ich habe dich für unschuldig erklärt und mein Recht ist das oberste in diesem Land. Du bist begnadigt. Jetzt und für alle Zeit. Deine Strafe ist von nun an aufgehoben. Ich habe dir die Unschuld meines Sohnes angerechnet und dich für unschuldig erklärt. Darum sehe ich dich auch als unschuldig an. Wir sprechen hier nicht über Moral, es sei denn, du meinst die Moral meines Sohnes. Seine Moral und sein Tod zählen nun für dich. Sie sind die Grundlage meines Urteils.“ Fertig, aus!

Im Christentum geht es um zugerechnete Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit Jesu wird mir und dir angerechnet als ob sie unsere wäre. Dementsprechend geht es im Christentum nicht um unser eingebildetes Wachstum in moralischen Dingen und in der Heiligung. Noch einmal: Wenn Du in eine Kirche gehst, wo fortwährend über dein Wachstum gesprochen wird, geh fort und finde eine andere Kirche. Finde eine Kirche, wo darüber gesprochen wirst, dass du daran scheiterst, besser zu werden. Und wo über Jesu wahre Gerechtigkeit gesprochen wird, die dir zu Gute angerechnet wird. Wo es einen Pastor gibt, der heute davon redet und auch nächste Woche, nächsten Monat und immer so weiter. Warum? Weil deine Kirche dich sonst zu Tode bringt.

Fünftens: Die Gewissheit, dass wir – Ich und Du – vor Gott wirklich gerecht sind.

1. Johannes 5,12-13: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, euch, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“

Kann sich ein einzelner Mensch sicher sein, dass er dieses großartige gegenwärtige wie zukünftige Geschenk behält, das ihm oder ihr zugerechnet wurde? Aber sicher! Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: 1) Die Gewissheit hat nichts mit uns oder unserem moralischen Zustand zu tun, sondern ist allein in dem begründet, was die Bibel über den Tot Christi am Karfreitag aussagt. 2) Indem wir genau dorthin schauen – und wirklich nur (!) dorthin schauen – als das, was uns vor Gott rechtfertigt, hat Gott einen Holzpfahl durch unser böses, Vampir-gleiches Herz geschlagen. Mein Herz, das so gerne auf seine vermeintlichen Tugenden schaut und sich dadurch einen Weg hinein verdienen will.

Das ist – zugegeben etwas vereinfacht ausgedrückt – das, was die Bibel mit den Worten Buße oder Umkehr beschreibt. Er hat dich umgekehrt. Es ist zu 100 Prozent die Gerechtigkeit des Sohnes und zu 0% jede falsche Gerechtigkeit meinerseits. Eine Person, die vom Geist Gottes getrieben wird, hat Plan A aufgegeben. Plan A lautet: „Ich löse 60 Prozent der Aufgaben richtig und Gott wird meine Leistung schon dem Klassenspiegel anpassen.“ Stattdessen flieht sie zu Plan B. Dieser lautet: „Gott rechtfertigt Sünder, indem der sie durch einfachen Glauben mit Jesus verbindet.“ Diese Person kann wissen, dass sie drin ist und nicht außen davor steht. So verspricht es Dir der unwandelbare Gott (Maleachi 3,6): In Jesus bist du drinnen und nicht draußen.

Wenn Du nun am jüngsten Tag im Gericht stehen wirst, was wirst du dort wohl hören? Eine öffentliche Aufzählung aller deiner Sünden? Keineswegs. Gott hat sie vor langer Zeit vergessen. So hat er es versprochen. Er kann sie sich nicht einmal zurück in sein Gedächtnis rufen. Du wirst etwas anderes hören: „Gut so, du tüchtiger und treuer Knecht, geh ein zu deines Herren Freude.“ (Matthäus 25,21.23) Das habe ich versucht in einem anderen Vortrag herüberzubringen, den ich hier gehalten habe. Er hat inzwischen seine Runden gemacht und heißt: „The Gospel for Those Broken by the Church.“

Wir werden uns im Himmel wiederfinden. Dann werden wir vermutlich sagen: „War es nun wirklich so einfach? Jesus allein. Nicht als sein Kreuz und sein Blut. Verdammt nochmal!“

Aber genau das ist doch der Punkt, oder etwa nicht? Nicht ein einziger von uns, der Gott gehasst hat und den Gott umgekehrt hat und zum Glauben in Jesu Tod, Blut und Kreuz gebracht hat, wird jemals verdammt werden. Kein einziger. Niemals. Und dann wird es so sein, wie C.S. Lewis es einmal gesagt hat: „Das Schuljahr ist um und die Ferien stehen vor der Tür.“ Für immer. Das große Hochzeitsmahl des Lammes. Ganz leiblich (Offenbarung 19,6-9). Ein Fest mit dem köstlichsten Fleisch und dem erlesensten Wein. Willkommen, mein Kind. Willkommen. Amen, Amen und Amen.         

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3 responses to “Das Christentum erklärt anhand von 5 Bibelversen”

  1. Christoph Klaiber says :

    Eine gute Zusammenfassung paulinischer Soteriologie in ihrer klassischen lutherisch-individuellen Deutung. Nichts außer homo peccator und deus iustificans, wie es der Meister gefordert hatte. Das ist für mich auch ein zentraler Teil meines Glaubens, Predigens und theologischen Denkens. Aber ob man ohne Begriffe wie Reich Gottes, Nachfolge, Gemeinde und fast ohne den Heiligen Geist das Wesen des Christseins beschreiben kann, scheint mir doch sehr fraglich. Und genau deshalb zieht es mich nicht so furchtbar zum Luthertum hin.

  2. Thomas Jakob says :

    Interessanter Ansatz. Ich habe das mal selbst ausprobiert. Meine Verse sind diese:

    (1.Mose 1,1)
    (Johannes 3,16 EÜ)
    (Jakobus 1,22)
    (Johannes 3,8)
    (Psalm 139,9-10)

    Wer sich für eine Erläuterung interessiert, kann hier weiterlesen:
    http://schwerglaeubiger.blogspot.de/2017/06/mein-glaube-anhand-von-funf-bibelversen.html

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