Christuszentriert ist nicht gleich christuszentriert. Wenn Jesus zur Mogelpackung wird

Christuszentriert. Das ist in frommen Kreisen ein Gütesiegel. Es ist mitunter genuiner Ausdruck des eigenen evangelischen Profils. Jesus soll im Mittelpunkt stehen. So singt man es in zahlreichen Lobpreisliedern („Sei Du der Mittelpunkt in meinem Leben!“). Und ich erinnere mich noch lebendig daran, wie Pastor Bill Hybels auf einem Willow-Creek Kongress vereinfacht gesagt so etwas wie „4 Stufen des Christseins“ vorstellte. Die höchste Stufe waren dabei natürlich die „Christuszentrierten“.

© Naypong / FreeDigitalPhotos.net

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Mir ist vor kurzem das Selbstmanagementbuch „Do more better“ von Tim Challies in die Hände gefallen. Sein Weg zu mehr Produktivität will bewusst christlich sein. Dazu müsse man als Christ zunächst einmal den Sinn seines Lebens kennen. Dieser bestehe darin, Gott mit meinem Leben durch gute Taten die Ehre zu geben. Nicht ich sei der Mittelpunkt meines Lebens, sondern Gott. Das gelte für ausnahmslos alle Lebensbereiche. Gott die Ehre zu geben – Das sei im Übrigen auch der eigentliche Sinn der Rettungstat Christi: „God saved you so that you could do good works and in that way bring glory to him.“

Da dämmerte es mir. Christuszentriert ist nicht gleich christuszentriert. Es gibt vielmehr zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Christuszentrierung. Da gibt es zum einen die Christuszentrierung im Modus des Gesetzes und zum anderen die Christuszentrierung im Modus des Evangeliums.

Christuszentrierung als Anspruch

Dieser erste Modus besteht aus der Forderung nach einem christuszentrierten Leben. Diese Forderung ist im Kern nichts anderes als eine neutestamentliche Variante des ersten Gebots: „Ich bin der HERR, dein Christus, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Dieser Modus zeigt sich in Sätzen wie:

  • „Lebe Dein Leben allein für Jesus und Gottes Reich!“
  • „Jesus Christus soll der Herr über alle Bereiche meines Lebens sein.“
  • „Frage Dich vor jeder Entscheidung: Was würde Jesus tun?“
  • „In meinem Charakter will ich Christus immer ähnlicher werden.“

Bei dieser ersten Form sind wir Menschen stets die Aktiven. Christuszentrierung ist letzen Endes etwas, das wir selbst machen. Dieser Modus von Christuszentrierung ist wohl der verbreitetste. Ich finde ihn in Lobpreisliedern. Oder etwa im besagten Selbstmangement-Buch. Es ist wohl auch kein Zufall, dass, wenn man das Stichwort „christuszentriert“ bei google eingibt, die häufigste Verbindung „christuszentriert leben“ ist. Christuszentrierung ist nach allgemeinem Verständnis wohl ein Anspruch, der an mich und meine Lebensführung gestellt wird.

Wenn „christuszentriert“ heimlich „mosezentriert“ meint

Mit all dem habe ich in dieser Form Bauschmerzen. Nicht weil dieser Anspruch an sich problematisch wäre, denn am Gesetz Gottes ist an sich wenig zu kritisieren. Der Anspruch bleibt. Und doch merke ich dabei, dass ich ihm täglich nicht genüge.

Wenn kirchliches Leben bei diesem ersten Modus von Christuszentrierung stehen bleibt, verliert es zwangsläufig sein evangelisches Profil. Denn Jesus wird hier zur Mogelpackung. man hat das gemacht, wovor Luther immer gewarnt hatte: Man hat aus Christus in erster Linie einen Gesetzgeber, einen zweiten Mose gemacht. In Luthers Terminologie steht in manchem geistlichen Buch zwar „christuszentriert“ drauf, aber es ist nichts als „Mosezentrierung“ drin.

Der zweite Modus: Christuszentrierung als Gabe

Die Reformatoren vor knapp 500 Jahren waren ganz begeistert von Christuszentrierung. Und ich bin es auch. Aber sie meinten damit etwas grundlegend anderes. Sie meinten damit keine Forderung an unsere Lebensführung, sondern eine Gabe. Ein Geschenk. In diesem zweiten Modus ist Jesus der aktive und jener zweite Modus ist der Entscheidende. Wenn die Reformatoren Jesus im Mittelpunkt sahen, dann in dem, was Theologen das „hohepriesterliche Amt“ nennen. Das meint Christus als Versöhner und Heiland. Als der, der die entscheidenden Dinge selbst in die Hand nimmt. Die obigen Sätze könnten im zweiten Modus so lauten:

  • „Jesus lebte ein perfektes Leben für Dich! Wann immer Gott dich ansieht, dann sieht er in dir Christus und freut sich über dich.“
  • „Jesus Christus kommt mit seiner Gnade in alle Bereiche deines Lebens. Es gibt keinen Lebensbereich, wo Deine Schuld ihm zu groß wäre. Also atme tief durch.“
  • „Quäle Dich im Selbstzweifel nicht mit der Frage ‚Was würde Jesus tun?‘, sondern staune nach dem Motto: ‚Das hat Jesus für Dich getan!‘ “
  • „Schau nicht auf Deinen Charakter, sondern schau auf Christus. Er ist gerade bei denen, mit denen es charakterlich einfach nicht besser zu werden scheint.“

Wo Jesus nicht als Vorbild, sondern in diesem Sinne als Heiland im Mittelpunkt steht, da wird Christuszentrierung tatsächlich zum Gütesiegel. Und nicht zur Mogelpackung.

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