Warum mir jeden Sonntag wieder neu das Evangelium gepredigt werden muss

Ich brauche es, diese Botschaft zu hören, wenn ich in die Kirche gehe. Dass Jesus Christus treu bleibt, wenn ich untreu bin. Dass er stets an mir fest hält, mich nicht fallen lässt. Dass am Ende des Tages nicht zählt, was ich tue, sondern was er für mich tut. Ich brauche einen Prediger, der mir diese ganze Schönheit vor Augen malt. In gewisser Hinsicht brauche ich also jeden Sonntag die gleiche Botschaft.

© Mister GC / FreeDigitalPhotos.net

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„Aber wird das nicht irgendwann langweilig?“ Mag man einwenden, oder: „Braucht eine Gemeinde nicht etwas Abwechslung?“ Und: „Außerdem richtet sich die Predigt dann doch immer an ‚Einsteiger‘ im christlichen Glauben, aber reife Christen brauchen doch vielmehr Herausforderungen zum geistlichen Wachstum.“

Natürlich gibt es in dieser Frage viele Argumente für und wieder. Timothy Keller merkt zum Beispiel an:

Because the gospel is endlessly rich, it can handle the burden of being the one ‚main thing‘ of a church.

Das Argument jedoch, das mich in dieser Diskussion am meisten überzeugt hat, möchte ich hier vorstellen. Es geht in seinen Grundzügen auf Martin Luther zurück.

Das Evangelium lässt sich zwar kognitiv leicht verstehen, aber nur ungemein schwer glauben. Es ist deshalb schwer zu glauben, weil unser gesamter Alltag uns etwas anderes predigt. So ist diese Welt nun einmal. Täglich wird uns eine andere Botschaft eingeimpft. Wir werden stündlich auf Werkgerechtigkeit gedrillt. Dass am Ende doch das zählt, was wir leisten. Dass ich bin, was ich tue.

Es ist die Dynamik des Gesetzes, die Dynamik der Kausalität. Auf Ursache folgt Wirkung. Jede Handlung hat eine Konsequenz. Und ich muss die Konsequenzen meines Handelns tragen.

  • Essen: Ich werde dick, wenn ich zu viel esse. Auf das „Sündigen“ mit dem Muffin auf dem Sofa folgt die Strafe auf der Waage.
  • Gefühle: Darüber hinaus sind meine Emotionen oftmals Konsequenzen meiner Handlungen. Ich habe gute Laune, wenn mir etwas sehr gut gelungen ist. Und ich bin frustriert, wenn sich die neue Gardine auch nach 3 Stunden harter Handwerksarbeit nicht an der Wand befestigen lässt.
  • Feedback: Ob es Noten in der Schule sind, die Kritik der Chefin oder in meinem Fall das (ausbleibende) Lob von Gottesdienstbesuchern hinterher an der Kirchentür – Ich werde mit Zahlen und Worten für das belohnt oder bestraft, was ich leiste.
  • Handy: Selbst mein Smartphone hat sich inzwischen angewöhnt, mich zu belohnen. Die Audible-App blinkt auf und verteilt mir virtuelle Trophäen für gehörte Hörbücher. 8 verschiedene Auszeichnungen finden sich mittlerweile in meiner „Trophäensammlung“.
  • Beziehungen: Jede zwischenmenschliche Beziehung läuft nach Ursache-Wirkungs-Prinzipien ab. Natürlich ist die gute Freundin beleidigt, wenn ich mich lange Zeit nicht melde. Die Beziehungsqualität hängt in der Regel davon ab, was beide Seiten in die Beziehung investieren, was beide für ein gutes Miteinander leisten.

Da ist es ganz natürlich, diese Prinzipien auch auf die Gottesbeziehung anzuwenden. Wann ist die Gottesbeziehung wohl intakter? Wenn ich an einem Tag ein halbe Stunde lang gebetet habe und gegenüber der anstrengenden Kassiererin an der Kasse dennoch freundlich geblieben bin oder wenn ein Tag geistlich und nach allen erdenklichen Maßstäben zum vergessen war?

Es spielt keine Rolle. Unsere Gottesbeziehung ist in dieser Sache platt wie eine Flunder. Sie verändert sich nicht und sie hängt vor allem nicht von meinen Leistungen ab. Ich bin ein Königskind.

Mein ganzer Alltag überzeugt mich davon, dass ich bin, was ich tue. Dass ich wertvoll bin, weil ich leiste. Ständig höre ich diese Predigt. Sie klingt vertraut, natürlich und logisch. Das Evangelium hingegen ist unintuitiv. Gegenlogisch. Deshalb brauche ich die eine Stunde in der Woche, den Sonntagmorgen, wo ich eine andere Botschaft hören darf: Christus für Dich.

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  1. Wann autoritäres Führen sinnvoll ist | evangelikale.blog - November 7, 2017

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