Was macht eine gute Vision aus? 4 Faktoren

Ob die Formulierung einer Vision gelungen ist, ist nicht bloß eine Sache des Bauchgefühls. Denn ein Forschungsteam hat Kriterien entwickelt, an denen sich die Qualität einer Vision messen lässt.

© patpitchaya / FreeDigitalPhotos.net

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Wer eine Kirchengemeinde erfolgreich leiten will, der braucht dafür vor allem eine leidenschaftliche Vision. Das hat der deutschsprachigen „Gemeindeleitungs-Szene“ keiner so sehr wie der US-amerikanische Pastor Bill Hybels (Willow Creek Community Church) eingeimpft. Seine Definition einer Vision:

Eine Vision ist ein Bild von der Zukunft, das Leidenschaft freisetzt.

Natürlich geht gute Gemeindeleitung nicht darin auf, an und mit Visionen zu arbeiten. Ebenso birgt jener „visionär-charismatische“ Leitungsansatz natürlich seine Gefahren. Aber zahlreiche Studien belegen dennoch: Eine verantwortete Arbeit mit und an Visionen gehört zu den wirkungsvollsten Führungstools.

Aber was macht nun eine gute Vision aus? Ich denke, dass sich hier am besten an konkreten Beispielen lernen lässt.

Beispiele guter Visionen

Kennen Sie die Vision, mit der Bill Gates seine Firma Microsoft gegründet hat? Sie lautete:

Einen PC in jedem Haushalt.

Kaum einer hätte das damals für möglich gehalten, füllte ein einziger Computer in dieser Zeit noch eine ganze Lagerhalle. Heute ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Es handelte sich in der Tat um ein Bild von der Zukunft, das Leidenschaft freigesetzt hat.

Eine zweite besondere Vision der Menschheitsgeschichte legte John F. Kennedy in einer Rede am 25. Mai 1961 vor:

I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the earth.

Nach unendlich schweißtreibender Arbeit vieler tausender Menschen war es dann am 21. Juli 1969 so weit: Dieses Bild von der Zukunft wurde Wirklichkeit, nicht zuletzt dank dieser ansprechenden Vision: Der erste Mensch auf dem Mond!

Aber auch viele christliche Kirchen haben Visionen, die Leidenschaft freisetzen. Gerade im angelsächsischen Raum gibt es dafür einige gelungene Beispiele. Vielen dürfte etwa die Vision der Willow Creek Community Church geläufig sein:

Willow Creek exists to turn irreligious people into fully devoted followers of Jesus Christ.

Ansprechend finde ich ebenfalls die Vision der Coral Ridge Presbyterian Church, in der Tullian Tchividjian Pastor ist:

We exist to declare and demonstrate the liberating power of the Gospel.

Oder ganz ähnlich die Vision des Netwerkes Liberate, das die Botschaft der Reformation für das 21. Jahrhundert neu ins Bewusstsein rufen möchte:

LIBERATE exists to connect God’s inexhaustible grace to an exhausted world.

Diese Vision finde ich einfach klasse!

Was macht eine gute Vision aus? 4 Kriterien

Will man nun selber eine Vision für seine Firma oder Gemeinde entwickeln, dann steht man manchmal wie der Ochs vorm Berg. Da stellt sich die Frage: Was braucht es denn nun konkret, damit eine Vision auch wirklich Leidenschaft freisetzt und nicht zu einem langweiligen, nichtssagenden Satz verkommt?

Um diese Frage beantworten zu können, wurde die sogenannte „Munich Vision Scale“ entwickelt. Erste Eindrücke dazu gibt es hier (Link). Ein Forschungsteam hat die umfassende Literatur zum Thema Vision analysiert und auf vier unabhängige Variablen reduziert. Übrig blieben vier Variablen, an der sich die Qualität einer Vision messen lässt:

  • Kommunikation (ist die Vision verständlich?)
  • Motivation (begeistert die Vision?)
  • Ambition (spornt die Vision an?)
  • Machbarkeit (glaubt man an die Umsetzbarkeit?)

Schauen wir auf diese vier Faktoren noch einmal etwas ausführlicher.

1. Kommunikation (ist die Vision verständlich?)

Wie leicht ist die Vision zu verstehen? Darunter fällt ebenfalls der Aspekt der Bildhaftigkeit, denn das Wort Vision kommt ja vom lateinischen Verb videre (sehen). Wir fragen also: Entsteht bei der Vision ein eindeutiges Bild vor dem inneren Auge?

Damit eine Vision verständlich ist, muss sie darüber hinaus einfach sein. Das betrifft vor allem ihre Länge. Eine gute Faustregel wäre etwa: Lässt sich die Vision lesbar auf ein T-Shirt drucken? Des Weiteren ist hier nicht der Platz für theologische Fachbegriffe, mit denen „normale Menschen“ nichts anfangen können.

2. Motivation (begeistert die Vision?)

Damit eine Vision Leidenschaft und Begeisterung freisetzen kann, muss sie auch irgendwie kantig sein. Es gibt nichts Langweiligeres als Gemeindevisionen, die alles und nichts sagen. Am Ende eines langen Prozesses bleibt nur eine Kompromissformel übrig, die sich auf theologische Richtigkeiten beschränkt.

Ich denke da etwa an eine Vision wie: „Wir lieben Gott und die Menschen in allen Altersklassen und Gesellschaftschichten. Das tun wir in Gottesdienst, wie diakonischer, seelsorglicher, missionarischer und pädagogischer Arbeit.“ Toll, das trifft mehr oder weniger auf jede Gemeinde zu! Die Frage lautet: Löst das spezifische Bild, das die Vision zeichnet, in mir Begeisterung aus?

3. Ambition (spornt die Vision an?)

Die eben skizzierte „Aller-Welt-Vision“ krankt noch an einer zweiten Stelle: Sie spornt nicht an. Mich zumindest nicht. Denn eine gute Vision beschreibt nicht den Ist-Zustand, sondern ein Bild von der Zukunft. Sie gibt irgendeine Form von Ziel aus, das noch nicht erreicht ist. Das löst in mir dann Motivation aus, so dass ich mich für die Erreichung jenes Zieles einsetze.

4. Machbarkeit (glaubt man an die Umsetzbarkeit?)

Aber auch die schönste Vision ist nutzlos, wenn jedem bewusst ist: „Das wird doch niemals Realität!“ Wenn ich eine Vision jedoch für unrealistisch halte, dann werde ich auch nicht mit der Umsetzung beginnen.

Es macht wenig Sinn einer Kirchengemeinde im ländlichen Raum in Mecklenburg-Vorpommern die Vision vor Augen zu malen, wöchentlich ein Fußball-Stadion mit Gottesdienstbesuchern zu füllen.

Gerade die letzen beiden Aspekte „Ambition“ und „Machbarkeit“ bilden natürlich ein gewisses Spannungsverhältnis. Zwischen beiden gilt es einen „Sweet Spot“ zu finden. Die Vision muss ambitioniert genug sein, um zum Handeln zu bewegen. Sie darf aber nicht unerreichbar sein, dass sie demotiviert.

Wenn ich mit diesen vier Kriterien im Hinterkopf noch einmal die anfangs genannten Beispiele anschaue, dann wurde hier mehr oder weniger bewusst vieles richtig gemacht. Ob Bill Gates oder John F. Kennedy, Willow Creek, Coral Ridge oder Liberate, überall merkt man etwas von der Verständlichkeit, Begeisterung, Ambition und Machbarkeit von guten Visionen.

Frage: Wenn Sie auf ihre Gemeindevision schauen, in welchem der vier Faktoren ist sie Ihrer Meinung nach am stärksten? Wo am schwächsten? Welchen Faktor würden Sie womöglich ergänzen? Teilen Sie Ihre Eindrücke gerne in einem Kommentar mit.

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