Was macht eine gute Predigt aus? Rettungsringe statt Schwimmunterricht!

Ein Mann schreit um Hilfe. Die Wellen schäumen immer wieder über seinen Kopf hinweg. Panisch bewegt er Arme und Beine. Er versucht sich irgendwie über Wasser zu halten. Hätte er doch als Kind nur Schwimmen gelernt. Da hört er die Stimme eines anderen: „Los, streng dich mehr an! Paddel mit deinen Beinen! Beweg Deine Arme gleichmäßig! Gut, weiter so!“

© koratmember/FreeDigitalPhotos.net

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Was für ein Unsinn. In einer solchen Situation braucht ein ertrinkender Mann doch keinen Schwimmunterricht, er braucht einen Rettungsring!

Nach Tullian Tchividjian ist es aber genau dieser Unsinn, der unsere gegenwärtige homiletische Landschaft unglücklich prägt. Predigten erteilen ertrinkenden Menschen Schwimmunterricht.

Er schreibt hier:

Too often our preaching (and our counseling) is the equivalent of giving a drowning man swimming lessons: “Paddle harder, kick faster.”

Wir gehen dabei davon aus, dass sich die Probleme unseres Lebens, der Gemeinde oder der Welt schon mit etwas mehr Mühe, Anstrengung, Übung wie einer guten Portion besten Wissens in den Griff bekommen ließen. Dem ist aber nicht so. Der Fachbegriff dafür lautet Gesetzlichkeit. Vom Menschen wird verlangt, was nur Gott tun kann.

Wir brauchen jedoch keine Anleitung zum glücklichen Leben, sondern eine freimachende Botschaft: Gott selbst kommt in diese Welt und zieht den ertrinkenden Menschen ans sichere Ufer, ohne dass dieser auch nur irgendetwas dazu beigetragen hätte.

Um das Bild etwas abzuwandeln und für die Aufgabe der Predigt fruchtbar zu machen:

Der Auftrag der Predigt ist es, ertrinkenden Menschen einen Rettungsring zuzuwerfen, nicht ihnen Schwimmunterricht zu erteilen.

Aber was heißt das nun konkret?

12 mehr oder weniger zufällige Beispiele für Schwimmunterricht

Hier ein paar Beispiele für gut gemeinten Schwimmunterricht von der Kanzel:

  • Die Einladung, am Reich Gottes mitzuarbeiten, ist Schwimmunterricht.
  • Die Jugendlichen begeistern zu wollen, für Jesus Geschichte zu schreiben, ist Schwimmunterricht.
  • Die Ermunterung, in seinem Alltag auf Nachhaltigkeit zu achten, ist Schwimmunterricht.
  • Vorschläge zu erteilen, wie man seine Stille Zeit halten kann, ist Schwimmunterricht.
  • Die Ermahnung mit Toleranz, Offenheit und Freundlichkeit Flüchtlingen und Migranten zu begegnen, ist Schwimmunterricht.
  • Beispiele, wie man seine Beziehung zu Gott im Alltag gestalten kann, sind Schwimmunterricht.
  • Die Ermunterung, authentisch zu sich selbst zu stehen und sich so zu akzeptieren, wie man ist, ist Schwimmunterricht.
  • Das Mutmachen, sich nicht gesellschaftlichen Normen anzupassen, ist Schwimmunterricht.
  • Das Aufzeigen, wie ein verantwortlicher Umgang mit Geld aussieht, ist Schwimmunterricht.
  • Die Vision von einer einladenden, gastfreundlichen Gemeinde ist Schwimmunterricht.
  • Die Aufforderung, in der Gemeinde die eigenen Gaben einzubringen, ist Schwimmunterricht.
  • Die Frage, was Jesus tun würde, ist Schwimmunterricht.

Moment mal! Was soll denn an all den genannten Dingen denn so schlecht sein?

Gar nichts! All diese Dinge sind gut, richtig und wichtig. Sie gehören zu einem christlichen Leben dazu. Aber werden diese guten Dinge zum Zentrum der Predigt und verdrängen dort das Evangelium, entsteht ein ernstes Problem.

Auch werden wir die impliziten Ziele dieser Liste nicht dadurch erreichen, indem wir sie als hehre Ziele ausgeben. Denn aus dem Wissen des Guten folgt noch lange kein gutes Tun. Eine moralische Predigt, egal ob in konservativer oder liberaler Variante, macht nun einmal keine moralischen Menschen. Das macht nur das Evangelium, das uns aus Freiheit und Freude dann Gutes tun lässt.

Manch einem mag das Bild vom ertrinkenden Menschen an sich schon nicht recht schmecken. Er fragt: „Ist es um den Menschen denn wirklich so schlecht bestellt, dass man ihn als einen Ertrinkenden darstellen müsste? Ist das nicht viel zu übertrieben? Außerdem ist das doch reichlich negativ. Da wird man doch depressiv!“

In der Tat ist das die entscheidende Frage, die gleichsam eine Weggabelung markiert. Von unserer Antwort wird abhängen, ob wir in Zukunft auf den Schwimmunterricht oder den Rettungsring setzen.

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3 responses to “Was macht eine gute Predigt aus? Rettungsringe statt Schwimmunterricht!”

  1. Patrick says :

    Lieber Malte, interessantes Bild – danke dafür! Ich weiß nicht, ob man von einer Weggabelung sprechen kann – entweder oder klingt so, also die Predigt immer nur eines erreichen wolle. Ist es nicht so, dass sie unterschiedliche Ziele verfolgen kann. Kann eine Predigt denn nicht zurüsten und ein anderes Mal Menschen für Jesus gewinnen? Deine vorgebrachte Unterscheidung reiht sich ja in die grundsätzliche Unterscheidungsnot zwischen Predigt und Lehre ein. Darf eine Predigt lehrhaft und eine Lehre predigthaft sein?
    Grüße
    Patrick

    • Malte Detje says :

      Ich würde eben ein Fragezeichen daran setzen, ob es diese Zweiteilung überspitzt gesagt so geben sollte. Auf der einen Seite die Predigt für die Nicht-Christen, auf der anderen Seite für die Christen, auf der einen Seite Evangelium, auf der anderen Seite Heiligung. Diese Zweiteilung drückt sich etwa auch im Willow-Gabentest aus mit einer starken Unterscheidung der Gaben von Evangelisation und Lehre. Dagegen führt meines Erachtens gute Lehre tiefer in das Verständnis des Evangeliums und damit im Bild gesprochen tiefer in das Verständnis des Rettungsringes. Timothy Keller hat in Center Church darüber eine ansprechende Passage geschrieben.

  2. Geoffrey says :

    Ich teile die Skepsis von Patrick und argumentiere nochmal anders: Deine Unterscheidung zwischen Rettungsring und Schwimmunterricht wird der Gemeindesituation nicht gerecht.

    Mal am Beispiel Epheser 2, sinngemäß: Früher wart ihr draußen, wart ihr Sünder, hattet ihr keinen Anteil an Christus. Jetzt aber seid ihr mit dazu gekommen, jetzt seid ihr Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

    Solche Hausgenossen Gottes sollen unbedingt wieder und wieder (ja, am besten in jeder Predigt) diese rettende Botschaft hören, aber es ist nicht das einzige, was man ihnen als Prediger von der Heiligen Schrift her zu sagen hat. Und an diese Stelle gehört der „Schwimmunterricht“: Nicht als Eintrittsbedingung in das Reich Gottes oder als Vorbedingung der Gnade, aber als Unterweisung in ein Leben in Gottes Gnade.

    Was sonst tun denn die Briefeschreiber im NT und sogar auch der Galater- und Römerbrief, auch wenn hier das Evangelium natürlich erstmal sehr in der Mitte steht?

    Wenn du einmal im Monat predigst, kannst du dieses Konzept vielleicht so durchziehen. Aber auf die Dauer wird deiner Gemeinde doch Konkretion fehlen.

    An sich ist dein Input sehr berechtigt, aber am Ende machst du selbst die strenge Unterscheidung auf: Rettungsring oder Schwimmunterricht? Und da hinkt das Bild. Christus hat uns schon gerettet, wir haben unseren Rettungsring. Jetzt müssen wir lernen, auf dem Ozean zu überleben und unserem Rettungsring zu vertrauen. Dazu braucht es Unterweisung.

    Gut polarisiert, Malte!

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