Nehmen Sie sich nicht so wichtig, Herr Pastor, und ziehen Sie sich den Talar an!

Die Frage lautet: Sollen Pastoren und Pfarrer eine besondere Kleidung im Gottesdienst oder sogar im Alltag tragen? Gehört der Talar auf die Kanzel oder besser in den Kleiderschrank, die Albe an den Altar oder in die Altkleidersammlung?

Talar

Als ich letztens das wunderschöne und etwas in die Jahre gekommene „Und etliches fiel auf den Fels“ des einstigen schwedischen Bischofs Bo Giertz gelesen habe, bin ich über eine interessante Passage gestolpert. Die möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Hier werden zwar nicht alle Argumente verhandelt, die es zu dem Thema sinnvollerweise in beide Richtungen gibt. Dennoch ist der Abschnitt sehr anregend.

Manchmal wirkt es auf mich so, dass gerade solche Leute ihre Amtskleidung tragen, die sich selbst sehr wichtig nehmen. Giertz argumentiert aber genau andersherum. Wer sich selbst nicht so wichtig nehmen will, der trage besser seine Amtskleidung, wenn er auf die Kanzel geht.

In der folgenden Szene unterhalten sich der alte Hauptpastor Olaf Bengtsson und sein jüngerer Amtsbruder Gösta Torvik. Schauen wir einmal hinein:

Als sie ins Amtszimmer traten, warf der Hauptpastor einen prüfenden Blick auf seinen guten Freund und sagte:

„Du könntest doch wirklich geruhen, den Lutherrock vorzuholen, wenn du predigen fährst.“

Torvik wurde rot. Sollte die Kritik nun wieder losgehen?

„Es ist nicht Faulheit, daß ich mich nicht umziehe. Es ist Prinzip.“

„Das macht die Sache nicht besser. Würdest du denn Respekt vor einem Offizier haben, der aus Prinzip in Zivil zum Manöver käme? Oder vor einem Soldaten der Heilsarmee, der die Uniform auszöge, wenn sein Korps auf dem Marktplatz antritt?“

„Aber du mußt doch begreifen, daß ich wie ein gewöhnlicher Mensch kommen will.“

Torvik war beinahe ärgerlich. Aber der Hauptpastor parierte unverändert munter:

„Dann segelst du unter falscher Flagge. Du bist kein gewöhnlicher Mensch! Du bist von der Kirche zum Diener des Wortes ordiniert. Du bist von der christlichen Gemeinde Ödesee dazu gewählt, hier Pfarrer zu sein. Du beziehst Gehalt von den Ländereien da draußen, die unsere frommen Vorväter zum Unterhalt für einen Pfarrer gestiftet haben. Es ist geradezu Unredlichkeit, daß du diese Gelder annimmst, wenn du bloß ein gewöhnlicher Mensch sein willst.“

„Du mißverstehst aber auch alles, Olaf – du mußt doch verstehen, daß ich mich nicht durch mein Amt groß machen will. Ich will bloß mich selber und andere daran erinnern, daß der Pfarrer nicht durch sein Amt etwas ist, sondern nur durch das, was er an sich selbst ist.“

Bengtsson richtete sich auf und lachte.

„Du bist der hochmütigste Mensch, der mir je begegnet ist, Gösta! Was bist du an dir selbst? Ein Sünder! Steigst du wirklich auf die Kanzel, weil du glaubst, durch deine Frömmigkeit und deinen Glauben und deine Gebete zum Leiter aller Christen in Ödesee berufen zu sein? Dann kannst du ebensogut zu Hause bleiben. Willst du weiter predigen, so mußt du es schon deswegen tun, weil du von Gott dazu gesetzt bist und sein Wort hast, um dich daran zu halten, sein Wort, das heilig bleibt, auch wenn ein elender Diener mit vielen Gebrechlichkeiten es ausrichtet.“

Torvik lächelte.

„Wenn ich dich nicht kennte, Olaf, würde ich glauben, du wolltest nur eine Entschuldigung für die Faulheit und einen Trost für ein unbußfertiges Pastorenherz haben.“

Der Hauptpastor machte plötzlich ein strenges Gesicht, streng wie ein Vater, der einen widerspenstigen Jungen abhört.

„Sag mir eins, Gösta – bist du ein elendes Werkzeug mit vielen Gebrechlichkeiten oder nicht?“

Nun wurde auch Torvik ernst.

„Ich bin ein elendes Werkzeug“, sagte er.

„Dann sollst du auch den Lutherrock anziehen, Freundchen, und nicht länger als der beachtliche Gösta Torvik kommen, sondern nur als der geringe Diener des Wortes Gottes in Ödesee.“

Torvik wollte immer noch widersprechen. Der Lutherrock bedeutete doch eine Aufforderung zum Respekt. Die Leute hatten Achtung davor – oder war es vielleicht eine Art Achtung vor dem Wort? Er schwieg.

Frage: Was ist Ihre Meinung zu der kleinen Szene? Welche Argumente finden Sie in dieser Frage hilfreich? Ich freue mich auf einen Kommentar!

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2 responses to “Nehmen Sie sich nicht so wichtig, Herr Pastor, und ziehen Sie sich den Talar an!”

  1. Andreas says :

    Erinnert mich an die Überlegung, ob nun Ratzinger mit seinem Segenswort oder Bergoglio mit seinem „Buona Sera“ bescheidener wirkte.
    Grundsätzlich bin ich bei dieser Szene. Auch wenn ich mein Leben hinter meiner Botschaft zurückbleibt (und das tut es ja immer, wenn ich die Botschaft nicht klein mache), bleibt die Berufung bestehen und die Verkündigung und die Sakramente gültig.
    Heißt das aber, das Leben des Pfarrers ist egal? Er kann gern Wein trinken, wenn er zum Wasserpredigen den Talar anzieht? So ist es nicht gemeint, aber das Missverständnis ist nicht inkonsequent.

    • Malte Detje says :

      Ich antworte mal ein wenig schelmisch zurück: Es ist ja nur dann ein Problem der Glaubwürdigkeit, wenn man einerseits Wein trinkt und dennoch der Gemeinde predigt, dass sie Wasser trinken soll. Sprich: Ethik predigt. Wenn wir wieder mehr das Evangelium predigen, schrumpft das Problem zusammen, da das Evangelium ja wenig mit dem tun hat, was ich tue oder nicht tue. Also: Predigen wir den Menschen lieber Jesus als das Wasser des Lebens!

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