Was tun, wenn Mitarbeiter mein Vertrauen missbraucht haben?

Es sind oftmals die ganz praktischen Dinge: Den Mitarbeitern wird freier Umgang mit dem Unternehmens-Computern gewährt und dennoch wird in der Arbeitszeit privat gesurft. Es verschwindet Büromaterial oder der Firmenwagen wird für andere als die vereinbarten Zwecke genutzt. Vertrauen wird missbraucht.

© Stuart Miles / FreeDigitalPhotos.net

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Doch manchmal ist die Sache etwas verzwickter. Da wurde einem Mitarbeiter mit viel Vertrauen die Möglichkeit gegeben, sich seine Arbeitszeit flexibel einzuteilen und von zu Hause zu arbeiten. Doch die Leistung lässt nach. Es ist zu befürchten, dass es einen Zusammenhang gibt. Es gibt Gerüchte, der Kollege arbeite nur die Hälfte der Arbeitszeit, wenn es hoch kommt. Wut steigt auf.

Dann gibt es da noch die Situationen, wo Mitarbeiter das Vertrauen zwar nicht direkt „missbraucht“ haben, aber dennoch kein Vertrauensverhältnis vorhanden ist. Da wurde einer Mitarbeiterin die Verantwortung für ein wichtiges Projekt übertragen, aber trotz Mühe ist dabei kaum etwas Sinnvolles herumgekommen. Sie scheint der Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Ich vertraue ihr nicht mehr und werde sie bei verantwortungsvollen Aufgaben das nächste Mal sicher übergehen.

Oder man denkt an diesen einen unnahbaren Mitarbeiter. Bei ihm habe ich stets den Eindruck, dass er etwas Entscheidendes für sich behält und nicht darüber redet. Da stimmt doch etwas nicht! Das verunsichert mich. Eine wichtige Aufgabe werde ich ihm also auch nicht anvertrauen, denn ich habe nicht das Gefühl, ihn wirklich zu kennen.

Dass missbrauchtes Vertrauen verletzt und fehlendes Vertrauen verunsichert, ist alles andere als Zufall. Es liegt vielmehr im Wesen von Vertrauen selbst begründet. Denn wenn ich jemandem vertraue, denn nehme ich etwas von meiner Macht und lege sie meinem Gegenüber in die Hand. Ich gebe ihm Einflussmöglichkeiten auf mich. Ich mache mich von ihm abhängig. Vertrauen heißt also immer auch: Ich mache mich verletzbar. Ich gehe davon aus, dass er die gewährte Macht für etwas einsetzt, das mir zu Gute kommt.

Und wenn es doch anders kommt? Was soll ich tun, wenn Mitarbeiter mein Vertrauen missbraucht haben?

Seien sie konsequent und sanktionieren sie den Missbrauch!

Vertrauensmissbrauch ist in der Regel kein Kavaliersdelikt. Denn hier wird an der Grundlage Ihrer Organisationskultur gerüttelt. Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn Vertrauen vorhanden ist, sich zwei Menschen also in einem gewissen Maße verletzbar machen. Deshalb formuliert es der Managementexperte Fredmund Malik so:

Vertraue jedem, so weit du nur kannst – und gehe dabei sehr weit und an die Grenze. Das ist die Grundlage und die Ausgangsbasis. Doch jetzt kommen vier wichtige Ergänzungen: aber stelle sicher, dass Du jederzeit erfahren wirst, ab wann Dein Vertrauen missbraucht wird; und stelle sicher, dass Deine Mitarbeiter und Kollegen wissen, dass Du das erfahren wirst; und stelle ferner sicher, dass jeder Vertrauensmissbrauch gravierende und unausweichliche Folgen hat; und stelle ferner sicher, dass Deine Mitarbeiter auch das unmissverständlich wissen.

Was eine sinnvolle Reaktion ist, wird man von Fall zu Fall mit viel Augenmaß entscheiden müssen. In jedem Fall sollte man sofort reagieren. Kommunizieren Sie im Vorfeld ebenfalls klar, warum Sie bei missbrauchtem Vertrauen keinen Spaß verstehen. Gerade weil Ihnen ein gutes Miteinander so am Herzen liegt, nehmen Sie diese Frage ernst.

Manchmal wird das Vertrauensverhältnis sogar so gestört sein, dass es unumgänglich ist, in Zukunft getrennte Wege zu gehen.

All das ist irgendwie selbstverständlich. Doch dann setzt oftmals noch ein Reflex ein, der sich bei genauerer Betrachtung als schädlich entpuppt.

Der gefährliche Trugschluss: „Das passiert mir nie wieder!“

Missbraucht ein Mitarbeiter das Vertrauen, dann tritt oftmals reflexartig ein Gedanke hinzu: „Das passiert mir nie wieder! Wie konnte ich nur so naiv sein? Das ist mir eine Lehre. Dem nächsten Mitarbeiter werde ich nicht so viel Vertrauen entgegenbringen. Dieses Mal setze ich auf Kontrolle!“

Ich bitte Sie diesem Impuls, so verständlich er auch ist, nicht automatisch zu folgen. Denn womöglich schaden Sie sich damit langfristig selbst.

Denn in der Regel spart ihnen Vertrauen Zeit und Kraft. Wenn Sie Mitarbeitern vertrauensvoll Verantwortung übergeben und auf strikte Kontrolle und Micro-Management verzichten, werden sie in Summe Zeit, Kraft und Ressourcen sparen. Denn Vertrauen heißt immer auch: Ich muss nicht alles selbst regeln.

Deshalb führen Sie sich bitte all die Mitarbeiter vor Augen, mit denen sie vertrauensvoll zusammenarbeiten und was das gewährte Vertrauen bei den Mitarbeitern und bei Ihnen selbst freigesetzt hat.

Das bestästigen übrigens auch Führungswissenschaftler. Die Botschaft lautet hier: Die Zeit und Kraft, die Sie durch einen großzügigen Vertrauensvorschuss bei der Mehrzahl der Mitarbeiter gewinnen ist größer als die Zeit und Kraft, die Sie durch den Missbrauch einzelner verlieren.

Artverwandt ist übrigens der (gefährliche) Gedanke: „Vertrauensvorschuss gibt es bei mir nun nicht mehr. Ab sofort muss man sich Vertrauen bei mir verdienen!“ Das wäre eine Rückkehr zum klassischen Vertrauensbildungsmodell einer vergangenen Zeit. Hier basiert Vertrauen auf Vertrautheit.

Im 21. Jahrhundert werden Sie dafür aber oftmals schlicht und einfach keine Zeit mehr haben. Denn was nützt es Ihnen, wenn Mitarbeiter durchschnittlich nur 3 Jahre im Unternehmen sind, sie sich davon aber die ersten 2,5 Jahre als vertrauenswürdig erweisen müssen bevor sie verantwortungsvolle Aufgaben erhalten. Da ist Ineffektivität vorprogrammiert.

So gilt die Faustregel: Je komplexer Ihre Aufgaben sind und je schnelllebiger ihr Umfeld ist, umso mehr werden Sie mit großzügigen Vertrauensvorschüssen arbeiten müssen.

Nutzen Sie ein Paradox: Kontrollieren Sie durch Vertrauen!

Zum Thema „Vertrauen und Führung“ gibt es sogar ein richtiges Paradox, dass Sie für sich nutzen können. Sie können Mitarbeiter sogar durch einen großzügigen Vertrauensvorschuss kontrollieren.

Vielleicht kennen Sie das auch. Sie waren abends mit ein paar Menschen essen, die Sie kaum kennen. Als die Rechnung kommt, stellen Sie panisch fest, dass Sie nicht genug Geld dabei haben. Peinlich! Und in diesem Steinzeit-Lokal nehmen Sie nicht einmal eine Kredit-Karte! Doch dann leiht Ihnen einer dieser Fremden das Geld. Sie freuen sich sehr und beteuern sofort, ihm das Geld so schnell wie möglich zu überweisen. Zu Hause angekommen setzen Sie sich sofort an ihren PC, um die nötige Überweisung zu tätigen. Damit warten Sie keine 10 Minuten!

Warum ist das so? Warum fühle ich eine innere Verpflichtung, mit der Überweisung keine zwei Tage zu warten, wenn mir ein quasi Unbekannter Geld leiht? Der Fachbegriff dafür lautet: Reziprozität. Wir sind als Menschen dazu veranlagt, Verhalten zu erwidern. So ist es auch mit Vertrauen. Vertrauen verpflichtet. Wenn Sie Ihrem gegenüber einen großen Vertrauensvorschuss gewähren, wird er in der Regel psychologisch dazu verpflichtet, dem auch zu entsprechen. Auch wenn es leider Ausnahmen gibt, ist das doch der Normalfall.

Arbeiten Sie an der Wiederherstellung der Vertrauensbasis!

In vielen Fällen ist es möglich, Vertrauen langsam wieder herzustellen. Dazu bietet sich zum Beispiel die Arbeit mit dem ABCD-Modell an, das ich hier näher vorgestellt habe. Es stellt vier Stellschrauben vor, an denen man gemeinsam arbeiten kann, um zur Bildung von Vertrauen beizutragen. Das erfordert harte Arbeit. Aber es lohnt sich!

Frage: Wie sind Sie bisher mit Fällen von Vertrauensmissbrauch umgegangen? Was hat sich da als hilfreich erwiesen? Gab es Situationen, in denen Sie sich das Vertrauen anderer erarbeiten mussten? Wie sind Sie das angegangen?

 

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  1. Song: O wie schön ist diese Torheit! – evangelikale.blog - November 8, 2017

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