6 Regeln, um sich theologisch zu streiten, ohne sich die Köpfe einzuschlagen

Die Bremer „Skandalpredigt“ von Pastor Olaf Latzel hat hohe Wellen geschlagen. An ihr haben sich besonders im Netz zahlreiche theologische Debatten entzündet, die mitunter mit harten Bandagen geführt wurden.

Ich finde solch theologische Diskussionen richtig klasse, gerade wenn es ans Eingemachte geht. Und dennoch: Man kann theologische Kämpfe konstruktiv oder auch destruktiv austragen. Manch Unschönes habe ich da schon erlebt.

© David Castillo Dominici / FreeDigitalPhotos.net

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In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen gerne ein paar Grundregeln vorstellen, die Timothy Keller in seinem Buch „Center Church“ für solch theologische Diskussionen unter der Überschrift „Gospel Polemics“ benennt. Ich gebe Sie hier mit eigenen Worten wieder und vielleicht helfen Sie ja dem ein oder anderen weiter.

1) Schreiben Sie ihrem Gegner keine Position zu, die er gar nicht teilt, selbst wenn sie sich als notwendige Konsequenz ergeben mag!

Mit anderen Worten: Mein Gegenüber vertritt die Meinung A. Ich bin mir selbst sicher, dass mit Meinung A automatisch Meinung B einhergeht. Mein Gegenüber jedoch vertritt jedoch Meinung B nicht, streitet sie womöglich sogar ab. In einer Diskussion ist es dann nur fair, meinem Gegenüber eben nicht Meinung B zuzuschreiben.

Ich kann vor Meinung B als Konsequenz warnen, sollte sie meinem Gesprächspartner aber nicht einfach unterjubeln. Ich darf sogar auf eine gewisse Inkonsistenz hinweisen, weil Meinung A und B ja nach meiner Auffassung Hand in Hand gehen. Aber auch das wäre schon deutlich differenzierter als meinem Gegner Position B zuzuschreiben.

Praktisch heißt das etwa, Pastor Latzel nicht einfach die Meinung zuzuschreiben, er sei gegen ein „offenes und buntes Bremen“. Denn seinen eigenen Äußerungen zufolge steht er ja trotz oder gerade wegen seiner „Skandalpredigt“ für ein „buntes Bremen“. Man mag eine Inkonsistenz zwischen seinem Predigtton und seiner Aussage, man müsse den Muslimen mit Liebe begegnen, sehen, aber man sollte ihm nicht unterstellen, er vertrete explizit fremdenfeindliche Positionen.

Für diesen Grundsatz ließen sich zahlreiche weitere praktische Beispiele finden. Wer sich einmal an die eigene „fromme“ Nase fassen will: Auch wir unterstellen unsern Gegenübern manchmal vorschnell, dass Meinung A „Nicht jedes biblische Wunder ist historisch geschehen“ mit Meinung B „Ich glaube nicht an Gottes Wirken in der Welt“ einhergeht usw.

2) Nur weil ihr Gegenüber einen bestimmten Autor zitiert, unterstellen Sie ihm nicht, er würde alle Positionen des Autors in toto teilen!

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Nur wer Dorothe Sölle in einer bestimmten Frage zitiert, ist noch nicht gleich Feminist. Wer Karl Barth zitiert, noch nicht gleich reaktionär etc.

Dennoch kenn ich von mir selbst das Phänomen, dass ein gewisses Kopfkino losgeht, wenn mein theologischer Kontrahent bestimmt Namen fallen lässt und ich ihn dann gedanklich in eine bestimmte Ecke stelle. Davon will ich mich selbst gern verabschieden.

Ich selbst zitiere etwa gerne Pannenberg, wenn es um die Auferstehung Jesu geht. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich etwa alles teile, was Pannenberg – in meinen Augen geringschätzend – zum Thema „Gesetz und Evangelium“ zu sagen hat.

3) Nehmen Sie die Position ihres Gegenübers als ganze wahr, nicht nur Auszüge!

Niemand, der eine Predigt oder einen Vortrag hält, sagt darin alles, was es zu dem Thema denkt. Wenn wir reden, dann ist das immer selektiv. Wir sollten uns deshalb davor hüten, unserem Kontrahent Position X abzusprechen, nur weil er sie in einer bestimmten Predigt nicht äußert. Womöglich setzt er ja Position X als selbstverständlich voraus, wenn er seine Hörerschaft vor Augen hat.

4) Stellen Sie die Meinung ihres Gegenübers so gut wie möglich dar!

Wenn wir theologisch diskutieren, dann werden wir immer mal wieder die Meinung eines Kontrahenten referieren. Das ist nun ein entscheidender Moment!

Es geht nun darum, die Auffassung unseres Gegenübers so gut mit eigenen Worten wiederzugeben, wie wir nur können. Dieser Schritt war dann erfolgreich, wenn unser Gegner sagen kann: „Prima! Das hätte ich selbst nicht besser formulieren können.“ Erst wenn wir hier angekommen sind, haben wir uns das Recht erarbeitet, unserem Gegenüber auch zu widersprechen.

Das ist keine leichte Aufgabe. Sie kostet in der Regel viel Kraft uns Mühe. Aber wir zeigen damit unserem Gesprächspartner Respekt und legen gleichzeitig die Grundlage, auf der wirkliche Überzeugung erst geschehen kann.

5) Achten Sie auf ihre Motive!

Nicht jede Diskussion führen wir, weil wir ernsthaft um unser gegenüber ringen. Manchmal ist einfach nur Stolz oder Rechthaberei der Motor. Wie unsere Grundhaltung auch aussieht, man spürt sie uns irgendwie ab. Und vielleicht liegt hier ja ein wesentliches Problem besagter Bremer Predigt.

Tim Keller zitiert in diesem Zusammenhang nun John Newton:

What will it profit a man if he gain his cause and silence his adversary, if, at the same time, he loses that humble, tender frame of spirit in which the Lord delights, and to which the promise of his presence is made?

6) Manchmal hilft nur ein Bier!

Diesen Punkt möchte ich gerne zu den von Timothy Keller genannten ergänzen. Nach meiner Erfahrung lassen sich die besten theologischen Streitigkeiten in der Kneipe austragen. Was habe ich mir schon mit Leuten die Köpfe eingeschlagen in der Frage, ob die Bibel irrtumslos ist. Das war freundschaftlich und sehr gut möglich, weil die Grundlage stimmte, für die hier symbolisch das Bier steht.

Fragen: Kommt Ihnen eine Situation in den Kopf, wo das Befolgen einer dieser Regeln im Nachhinein sinnvoll gewesen wäre? Würden Sie eine weitere Regel ergänzen? Ich freue mich über eine Antwort in Form eines Kommentars!

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