„Ich kann Gott nicht (mehr) spüren“ – Die Suche nach einer neuen orthodoxen Theologie (Teil I)

Auf einer Jugendfreizeit kam eine langjährige Mitarbeiterin, ungefähr 19 Jahre alt, nach dem Mittagessen auf mich zu. Nach ein wenig Smalltalk sprach sie aus, was sie auf dem Herzen hatte: „Ich kann Gott nicht mehr so spüren wie früher.“

© Sira Anamwong / FreeDigitalPhotos.net

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Vielleicht kennst Du dieses Problem oder begleitest selbst Menschen, die an dieser Stelle einen Leidensdruck verspüren. Das Gefühl, dass sich früher bei manchen Lobpreisliedern eingestellt hat, will nicht zurück kommen. Wenn ich bete, ist Gottes Gegenwart nicht spürbar und ich habe nicht den Eindruck, dass er mich hört. Es stellt sich die selbstkritische Frage: Glaube ich dann eigentlich noch?

Meiner Beobachtung nach, kämpfen einige Christen an dieser Stelle und ich frage mich, woran das liegt. Und vor allem: Was darauf antworten?

In Teilen liegt all das sicherlich in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen begründet. Ich denke an ein Stichwort wie „postmoderne Erlebnisgesellschaft“. Dinge nicht nur mit dem Kopf zu durchdenken, sondern auch persönlich zu erleben, zu erfahren und zu spüren, wird immer wichtiger. In Teilen macht das den christlichen Glauben aber auch einseitig. Meines Erachtens ist es darum eine seelsorgliche Verantwortung, wieder ein ausgeglichenes Verhältnis zu Erleben und Gefühl zu bekommen.

Pietismus oder Orthodoxie?

Die Frage, welche Rolle das „Persönliche“, Gefühle, Erleben und Erfahrung für den christlichen Glauben spielen, ist keineswegs neu. Schon im 17. und 18. Jahrhundert wurde darüber intensiv gestritten. Gegenüber standen sich der Pietismus und die Orthodoxie. Meiner Meinung nach können wir davon viel lernen.

Denn viele unserer „Ich kann Gott nicht (mehr) spüren“-Probleme liegen darin begründet, dass wir zu einseitig dem Gedankengang des Pietismus folgen und die wichtigen Einsichten der Orthodoxie dabei übersehen. Meine These ist deshalb: In einer postmodernen Zeit mit ihrem Hunger nach Erlebnis brauchen wir eine Rückkehr zur orthodoxen Theologie, gerade aus seelsorglichen Gründen. Aber woran besteht eigentlich der Unterschied?

Brennende Herzen versus klares Evangelium

Mir wurde der Unterschied einmal sehr deutlich, als ich mich mit anderen Theologiestudenten austauschte. Das Thema war, was Kirche in Deutschland braucht, um Menschen missionarisch anzusprechen. Jeder von uns schrieb seine Antwort auf eine Moderationskarte. Meine Karte als eher orthodox geprägter Christ wurde neben der eines schwäbischen Pietisten angepinnt. Auf seiner stand: „Brennende Herzen“, auf meiner: „Klares Evangelium“.

Natürlich ist beides wichtig. Es geht mir keineswegs darum, beides gegeneinander auszuspielen, aber die Schwerpunkte werden dennoch deutlich. Der Pietist legt ihn auf das Subjektive, der Orthodoxe auf das Objektive. Hier der Fokus auf dem Glauben, dort auf der Botschaft.

Wie gesagt, beides ist nicht falsch, aber… Ja, jetzt kommt das Aber. Die Botschaft geht dem Glauben voraus und kann ihn allererst bewirken. Das manchmal undeutliche subjektive Gefühl braucht es, dass Gott sein klares „Ja“ zu uns spricht. Das „klare Evangelium“ ist die Ursache, das „brennende Herz“ eine Wirkung davon.

Entscheidend ist nicht das Subjekt des Glaubens, sondern das Objekt

Wir fragen erneut: „Glaube ich eigentlich noch, wenn ich Gottes Gegenwart gerade nicht spüre? Ist mein Glaube dann noch stark genug?“ Tim Keller antwortet darauf: Für einen starken Glauben ist nicht die Stärke des Subjekt des Glaubens entscheidend, sondern die Stärke des Objekt. Er verdeutlicht das mit einem plastischen Beispiel:

Stell Dir vor, Du wirst von einem Löwen verfolgt. Du läufst Weg, kommst aber an einen Abgrund, eine steile Klippe. Vor Dir die Tiefe, hinter Dir der Löwe. Du wirst springen müssen. Du schaust runter und siehst zwei Äste, an denen Du Dich nach einem Sprung festhalten könntest. Aber werden Sie halten? Du entscheidest Dich für den Ast, der Dir stabiler erscheint. Du springst.

Woran wird sich entscheiden, ob die Geschichte ein gutes Ende nimmt? Allein an der Stärke des Astes. Ich kann mit dem größten Glauben und der tiefsten Überzeugung an den falschen Ast springen und krachend hinabstürzen. Ich kann aber auch mit dem kleinsten Glauben und voller Zweifel an den richtigen Ast springen und alles wird gut.

So ist es auch mit Jesus Christus. Es kommt in letzter Konsequenz nicht darauf an, dass unser Glauben leidenschaftlich und voller Begeisterung ist, sondern dass wir dem vertrauen, der im Leben und im Sterben trägt. Und dann wird oftmals auch eine Begeisterung folgen, in manchen Zeiten aber vielleicht nicht und das ist dann nicht mehr schlimm. Denn: Entscheidend ist nicht das Subjekt des Glaubens, sondern das Objekt.

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19 responses to “„Ich kann Gott nicht (mehr) spüren“ – Die Suche nach einer neuen orthodoxen Theologie (Teil I)”

  1. eddi says :

    Malte, vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ein brennendes Herz UND ein klares Evangelium wünsche ich mir auch. Die Literatur der Puritaner ist mir dabei eine große Hilfe. Ich bin auf die nächsten Artikel gespannt.

    Gruß
    eddi

  2. j0rdanus says :

    Vielleicht habe ich Gott auf meinen ersten Freizeiten mal gespürt. Vielleicht spüre ich Gottes Gegenwart manchmal beim Beten. Aber die Frage, ob ich ihn spüre, hat für mich schon lange keine Relevanz mehr. Ich bin nicht auf der Suche nach irgendwelchen Gefühlen. In der Bibel wird mir die Wirklichkeit Gottes auf vielfältige Weise bezeugt: jede einzelne Lebensäußerung, diese ganze Erde, die Welt, das Universum ist ein Verweis auf Gottes Wirken. Manchmal spüre ich das nicht, trotzdem ist es da. Je tiefer ich in Gottes Wort eindringt oder vielmehr Gott sein Wort in sein Herz spricht, desto mehr sehe ich auch, wie er jeden Tag wirkt. Auch wenn ich gar nichts spüre, auch wenn ich mit dem Herzen nicht bei der Sache bin – er handelt trotzdem.

    • eddi says :

      Das ist jetzt vielleicht etwas altbacken. Aber die letzte Strophe aus dem Lied „So nimm denn meine Hände“ passt glaub ich gut zu deinem Kommentar:

      Wenn ich auch gleich nichts fühle
      von seiner Macht,
      Du führst mich doch zum Ziele
      auch durch die Nacht.

  3. Katha says :

    Toller Artikel, Malte. Jesus ist entscheidend, nichts und niemand sonst. Dann folgt auch (irgendwann) die Begeisterung. Und die Liebe. Und die Freude … und überhaupt 🙂

    LG, Katha

  4. Marcus says :

    Ist es nicht aber so, dass gerade der Pietismus (zumindest der Speners) von einer sehr kalten Orthodoxie hervorgerufen wurde. Gerade da war nicht ‚beides‘ vorhanden.
    Auch wenn man Spener liest, kommt darin nicht eine einseitige Betonung der Gefühle zum Ausdruck, sondern eine tiefe Verwurzelung in der evangelischen Lehre, die sich in einer Sicherheit äußern – auch, übrigens, was Paulus schreibt, wenn er sagt, dass der Geist Zeugnis ablegt für die Gotteskindschaft in uns (siehe dazu den wunderbaren Artikel von Daniel Wallace in ders., Who is Afraid of the Holy Spirit?).
    Meine Erfahrung ist, dass die Betonung ‚zuerst das eine, aber das andere nicht vergessen‘ meistens genau dazu führt, dass das andere vergessen wird (und das funktioniert in beide Richtungen.
    Sehr hilfreich fand ich eins den Tipp eines bekannten gemeindegründers aus Berlin, der mir sagte: „Im Evangelium verschwindet dieser unterschied zwischen Emotion und Cognition einfach. Weil die Botschaft der Gnade immer auch Emotionen hervorruft und gleichzeitig unseren Verstand anregt zum weiterdenken.“
    Zumal ‚das Evangelium‘ ja nicht einfach etwas ‚objektives‘ ist, sondern zuerst einmal der Umstand von Gott für uns durch den Tod Jesu.
    Objektiv wäre evtl. die Frage, ob Jesus wirklich gestorben ist, ob das Grab leer war, ob…
    Guter Artikel trotzdem, vielen Dan dafür.
    In diesem Bereich eine gesunde Ausgeglichenheit zu finden hat mir Ravi Zacharias‘ Buch „Cries of the Heart“.

    Lieber Gruß,
    Restless Evangelical

    • Malte says :

      Orthodoxie kann definitv kalt werden. Das es aber nicht so sein muss, zeigt mir etwa Paul Gerhardt. Ich liebe seine Texte. Eine nette Anekdote noch: Ein Professor von mir meinte einmal, wenn er seinen Studenten Texte der ersten Pietisten vorlegte (ohne die Autoren zu nennen), hätten die meisten Studenten den pietistischen Text der Orthodoxie zugeordnet…

      • Marcus says :

        Haha, tatsächlich eine lustige Anekdote 🙂
        Was zeigt, dass Gefühl/Pietismus nicht schwammig werden muss, genauso wie Gerhard tatsächlich zeigt, wie tief empfunden und heilsam orthodoxie sein kann.
        Ich habe nur immer den Eindruck, dass ein Bekenntnis zur ‚das eine Zuerst, das andere nicht vergessen‘ meistens bedeutet, dass im Grunde nur das eine Betont wird – und das ist schade.

  5. infragesteller says :

    Interessantes Thema: ich glaube nicht mehr an Gott, wie „üblich“ oder wie die Meisten. Ich suche das Göttliche in mir und nicht außerhalb… Ich kann mir auch nicht mehr Gott oder Jesus als „Einzelwesen“ vorstellen. Da muss viel mehr dahinter stecken… Ist mein Gefühl.

  6. anne says :

    für mich geht es ohne gefühl nicht. aber ich habe gelernt, dass dass gefühl nicht immer das gleiche ist, nicht gleich intebsiv ist und machnal auch einfach nicht wahrnehmbar ist. das war früher schlimm. in persönlichen wüstenzeiten bin ich nun dankbar, wenn ich in der lage bin, meine gedanken auf Gott zu werfen und es in betracht ziehen kann, dass er mich hört. das ist für mich heute kein nicht-gefühl-mehr. aber es kostet kraf und eine wohlige wärme beim lobpreis wäre mir eindeutig lieber…

  7. Daniel Renz says :

    Guter Austausch – danke! 🙂
    Wobei mir gerade kommt: Ist Jesus Christus ein Objekt …?!

  8. gerhardleiser says :

    Orthodox? – Da denke ich an die wirklich orthodoxen Kirchen russisch, griechisch, rumänisch. Die ich in Russland erlebe. Oft nur Gefühl. Keine Bibel. Kein gesprochenes Gebet. Nur Betrachtung, Stille, Bilder. Nicht mein Stil. Aber ich brauche auch nicht urteilen. Menschen sind verschieden, weiß Gott!

    • Malte says :

      Guter Hinweis. In der Tat kann man das Wort „orthodox“ in mehreren Kontexten verwenden. Die allermeisten werden da wohl an die „russisch-orthodoxe“ Kirche oder die „griechisch-orthodoxe“ Kirche denken, wie man die aus den meisten slawischen Ländern kennt. Wortwörtlich meint „orthodox“ ersteinmal einfach nur „rechtgläubig“. Geschichtlich haben sich verschiedenste Christen in verschiedensten Konfessionen (Lutheraner, Calvinisten) als „orthodox“ im Sinne von rechtgläubig verstanden.

  9. Ruth says :

    Zwischen die göttlichen Tatsachen und das Gefühl ist der Glaube geschaltet – Glaube im Sinn von sich mit dem ganzen Leben darauf verlassen, fest damit rechnen. Wer das tut, kriegt mehr Gefühle, als er fassen kann, ohne dass ihn das groß kümmert, weil es an den Tatsachen ja nichts ändert. Schau dir mal Paulus an, der tropft regelrecht von Anbetung, Begeisterung und Liebe! Wer allerdings glauben will, was er fühlt, kriegt sich selber mit seinem ganzen Elend – wetter-, hormon- und verdauungsabhängig.

  10. Maria says :

    Ich bete,Danke Gott für vieles,flehe ihn an, mir den rechten Weg zu zeigen, meine Aufgaben in meinem kurzen Leben, mit ein Zeichen zu geben, daß er mich erhört,ich suche ständig nach Hinweisen, ob der Glaube, so wie ich ihn verstehe der richtige Weg ist. Doch ich komme mir vor, wie ein ungeliebtes Stiefkind, ein Bastard.

    • Malte Detje says :

      Liebe Maria, du bist kein ungeliebtes Stiefkind, sondern ein geliebtes Kind Gottes. Wahrscheinlich sagen Dir Deine Gefühle etwas anders. Alles fühlt sich nach Stiefkind an. Aber ich bin mir ganz sicher, dass Gott dich lieb hat. Woher ich das weiß? Aus Gottes Wort, der Bibel. Dort redet Gott ganz klar und eindeutig. Viel klarer als unsere Gefühle. Und hier sagt Gott eindeutig: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!
      So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“ (Galater 4,4-7). Liebe Maria, sei zuversichtlich, am Ende zählt nicht, was in Deinem Herzen vor sicht geht, sondern was in Gottes Herzen vor sich geht!

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