Soll ich einen starken oder einen schwachen Christus predigen?

Wie reden wir vom Kreuz Christi? Predigen wir einen „schwachen Christus“, der verlassen das Leid der Welt trägt oder predigen wir einen „starken Christus“ der siegreich triumphiert? Ich will in diesem Beitrag behaupten, dass Nummer 2 meist unterschätzt wird. Zu Unrecht.

© bela_kiefer / FreeDigitalPhotos.net

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Das Folgende hat dabei nur den Charakter eines „ersten Entwurfes“. Mich hat der Gedanke aber in den letzten Tagen sehr gefesselt. Man müsste wohl noch viel mehr Differenzierungen vornehmen. Dann würde dieser Beitrag aber 10x so lang werden. Ich hoffe deshalb, dass der geneigte Leser mir manche Einseitigkeiten verzeiht und die wesentliche These dennoch deutlich wird.

Wenn wir über das Kreuz Christi predigen, dann lassen sich idealtypisch zwei Christus-Bilder voneinander unterscheiden:

Der schwache Christus

Einsam und verlassen stirbt der Sohn Gottes. Selbst von seinem Vater ist er nun getrennt. Er nimmt unsere Gottesferne auf sich und klagt mit den Worten des Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Hier entäußert sich der Sohn all seiner Macht. Er könnte Legionen von Engeln herbeirufen, tut es aber nicht. Er wehrt sich nicht, ist machtlos, lässt sich ausspeien und ausgeißeln – wie ein Lamm das zur Schlachtbank geführt wird. Stellvertretend leidet er für und mit uns.

Der starke Christus

„Es ist vollbracht.“ Die Schlacht ist geschlagen. Am Kreuz triumphiert Jesus Christus, unser starker Held. Er siegt über meine Sünde und meinen Tod. Er weist Teufel und Hölle in ihre Schranken. Satan dachte, die Menschheit sei ihm nun endgültig unterworfen, doch dann schnappte die Falle zu. Jesus ist wie ein Köder am Hacken. Gegen den Sohn Gottes verlieren alle Mächte dieser Welt die entscheidende Schlacht. Christus steigt hinab in die Hölle „und führt die Gefangenen siegreich empor“. Er zerbricht die Fesseln unserer Knechtschaft. Ich bin frei!

Halten wir einen Moment inne und stellen uns zwei Fragen:

  1. Welche der beiden Beschreibungen spricht dich mehr an? Das Moment der Schwäche oder der Stärke?
  2. Welche Beschreibung ist dir vertrauter und begegnet dir öfter, zum Beispiel in Gottesdiensten?

Wenn ich wetten müsste, dann würde ich tippen, dass „der schwache Christus“ deutlich verbreiteter ist. Und das hat auch gute Gründe.

Der „starke Christus“ ist historisch vorbelastet

Gegenüber dem „starken Christus“ sollte man nicht zuletzt aus historischen Gründen skeptisch sein. Denn in mancherlei Hinsicht klingt hier eine Theologie an, die in der Zeit des Nationalsozialismus sehr verbreitet war.

Vereinfacht gesagt: Man wollte kein schwaches Christentum. Das passte einfach nicht zur starken und stolzen „germanischen Seele“. So trieb der Versailles-Komplex seine Blüten auch in der Christologie. Ein starker Christus musste her.

Selbstverständlich wurde nach 1945 damit allmählich gebrochen und das Pendel schwenkte zum „schwachen Christus“ hinüber. Jüngel und Moltmann haben dazu auf ihre eigene Art und Weise wichtige Beiträge geleistet.

Und ich? Ich will ehrlich sein. Das zweite Bild, der starke Christus, er spricht mich an. Nicht dass ich dem „schwachen Christus“ abschwören würde, aber ich halte das zweite Bild für eine hilfreiche Ergänzung. Aber warum?

Der „starke“ Christus ist letzter Konsequenz ein Affront für eine „germanische Seele“

Ich denke, es tut der Frage sehr gut, wenn wir sie um eine weitere Differenzierung ergänzen. Martin Luther unterschied einmal zwei Christusbilder idealtypisch voneinander: Jesus, das Vorbild und Jesus, das Geschenk. Unter dem Strich legt Luther den Fokus auf Jesus als Geschenk.

In unserer Frage ist es dann das entscheidende Problem der Theologie der NS-Zeit, dass sie den „starken Christus“ mit einer Vorbilds-Christologie verband. Der „starke Christus“ sollte zum Vorbild des deutschen Volkes werden. So wie dieser keine Schwäche zeigte und siegreich triumphierte, sollte auch das deutsche Volk voller Stolz seinen Platz an der Spitze der Welt einnehmen.

Der starke Christus im Verbund mit der Vorbilds-Christologie – die theologische Katastrophe war perfekt! Vielleicht kann vom „starken Christus“ aber in Kombination mit einer Geschenk-Christologie theologisch äußert gewinnbringend gesprochen werden.

Denn wer braucht einen „starken Christus“ als Geschenk? Doch wohl nur einer, der sich selbst nicht mehr zu helfen weiß. Einer, der schwach ist. Einer, der seinen Kampf nicht gewinnen kann. Der starke Christus als Geschenk – das ist ein Affront für die „stolze germanische Seele“.

Noch einmal theologisch übersetzt: Eine Soteriologie des Exemplums verbindet eine starke Christologie mit einer starken Anthropologie. Eine Soteriologie des Donums verbindet eine starke (aber auch schwache) Christologie mit einer schwachen Anthropologie.

Fazit? Aus genannten Gründen möchte dafür plädieren, sowohl eine starke als auch eine schwache Sprache zu verwenden, wenn wir vom Kreuz Christi sprechen, solange wir es primär als Geschenk predigen.

Frage: Was ist deine Meinung zu dieser These? Welche nötigen Differenzierungen müsste man noch vornehmen? Mit welchen anderen Aspekten verbindet sich unsere Frage?

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