„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – Die Frage unserer Zeit!

Das Herzstück der Theologie Martin Luthers war die Rechtfertigungslehre. Sie lässt sich in vielerlei Hinsicht nur verstehen als eine Antwort auf die Ausgangsfrage dieses Mönches: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

© Hansjörg Keller  / pixelio.de

© Hansjörg Keller / pixelio.de

Er war von Selbstzweifeln zerfressen und hatte stets den richtenden und strafenden Gott vor seinem inneren Auge, den er trotz all seiner Anstrengungen nicht milde stimmen konnte. Doch dann kam die reformatorische Entdeckung: Den gnädigen Gott bekomme ich durch keine meiner eigenen Leistungen. Er wird mir geschenkt. Weil Jesus Christus das tat, was ich nicht tun konnte, stehe ich nun gerecht vor einem mir gnädigen Gott.

Was soll denn diese Frage?

So weit, so gut! Und dennoch: Es wird in jüngerer Zeit immer wieder darauf hingewiesen, dass Luthers Antwort heute nicht mehr wirklich zeitgemäß sei. Die Rechtfertigungslehre zieht in der Predigt einfach nicht mehr so richtig.

Warum ist das so? Luther gibt mit seiner Rechtfertigungslehre eine Antwort auf eine Frage, die heute niemand mehr stellt. Wer sich in eine Fußgängerzone begibt und 100 Leute befragt, was gerade ihr aktuelles Lebensthema ist, was die Frage ist, die ihnen unter den Fingernägeln brennt, der wird wohl kaum Luthers Lebensfrage genannt bekommen.

Denn erstens ist das Thema Gott für die meisten Menschen nicht gerade das Thema Nummer 1, wenn sie denn überhaupt an einen Gott glauben. Und zweitens: Selbst wenn jemand an Gott glaubt, dann ist es doch in der Regel das Bild eines liebenden Gottes. Es ist nicht das mittelalterlich anmutende Bild eines grimmigen Richters mit einer strafenden Rute in der Hand.

Was also tun? Die Rechtfertigungslehre ad acta legen und sich vielleicht doch lieber auf das konzentrieren, was die Menschen heute bewegt? Ethik zum Beispiel?

Ich denke hingegen, dass wir auf der Kanzel auch im Jahr 2014 mit der Rechtfertigungslehre noch so manchen Blumentopf gewinnen können. Denn als Antwort bleibt sie ungemein aktuell, da die Frage – entgegen allem Anschein – immer noch brennend aktuell ist.

Wer oder was ist eigentlich Gott?

Dazu setzen wir den Hebel am Gottesbegriff an. Ich liebe Luthers Definition von Gott, wie er sie etwa im „Sermon von den guten Werken“ oder auch im „Großen Katechismus“ vorlegt. Im letzeren schreibt Luther:

Was heißt „einen Gott haben“, bzw. was ist Gott? Antwort: Ein „Gott“ heißt etwas, von dem man alles Gute erhoffen und zu dem man in allen Nöten seine Zuflucht nehmen soll. „Einen Gott haben“ heißt also nichts anderes, als ihm von Herzen vertrauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß allein das Vertrauen und Glauben des Herzens etwas sowohl zu einem Gott als zu einem Abgott macht. […] Worauf du nun, sage ich, dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott.

Ein Gott ist für Luther also keineswegs nur ein metaphysisches Wesen. Alles kann zu einem Gott werden, alles woran Menschen ihr Herz hängen, worauf sie vertrauen und von dem sie in der Not Rettung erwarten.

Nimmt man einmal diesen Gottesbegriff, dann gibt es auch im Jahre 2014 noch sehr viele Götter, die eine Vielzahl von Verehren um sich scharen. Manch einer verehrt den Gott „perfekte Elternschaft“ und erhofft sich alles Gute, ja die Erfüllung seines Lebens davon, seinen Kindern die perfekte Umgebung zum Aufwachsen zu schaffen. Auch den Gott Karriere gibt es. Stockt die eigene berufliche Laufbahn einmal, dann kann ich beim Gott Karriere meine Zuflucht finden und er gibt mir die Verheißung: „Es werden sich schon noch Türen auftun!“

Auf der Suche nach einem gnädigen Gott

Der Punkt ist nur, dass all diese Götter entgegen all ihrer Versprechungen keineswegs gnädig sind. Ihre Ansprüche an unser Leben sind immens hoch und steigen von Moment zu Moment ins Unermessliche. Kaum einer hat diesen Umstand in den letzen Jahren so gut auf den Punkt gebracht wie David Foster Wallice in seiner Rede „This is water“. Hierin schreibt er:

Because here’s something else that’s weird but true: in the day-to day trenches of adult life, there is actually no such thing as atheism. There is no such thing as not worshipping. Everybody worships. The only choice we get is what to worship. And the compelling reason for maybe choosing some sort of god or spiritual-type thing to worship — be it JC or Allah, bet it YHWH or the Wiccan Mother Goddess, or the Four Noble Truths, or some inviolable set of ethical principles — is that pretty much anything else you worship will eat you alive. If you worship money and things, if they are where you tap real meaning in life, then you will never have enough, never feel you have enough. It’s the truth. Worship your body and beauty and sexual allure and you will always feel ugly. And when time and age start showing, you will die a million deaths before they finally grieve you. […]Worship power, you will end up feeling weak and afraid, and you will need ever more power over others to numb you to your own fear. Worship your intellect, being seen as smart, you will end up feeling stupid, a fraud, always on the verge of being found out.

Es sind also vielmehr Menschen unterwegs auf der Suche nach einem gnädigen Gott, als zu vermuten war. Deshalb bleibt auch die Rechtfertigungslehre aktuell. Sie hat nichts von ihrer befreienden Kraft eingebüßt.

Ich freue mich über jeden Kommentar!

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One response to “„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – Die Frage unserer Zeit!”

  1. Heinz-Volker Jäger says :

    Um Frieden zu finden, was immer einen langen Prozess bedeutet, muss man das Vergangene ruhen lassen, sich die Hand reichen und noch vorn schauen im Vertrauen und im Glauben an das Gute im Menschen. Nur Respekt und Toleranz unter den Menschen führt zu innerem und äußerem Frieden. Der gestrige Mittagsgottesdienst in der Evangelischen Elisabethkirche zu Marburg befasste sich mit dem Gefangensein der ANNE FRANK und ihrer Suche nach Glück in einem hoffnungslosen Umfeld. Gott ist in uns und in uns brennt ein Feuer der Liebe, welches bisweilen zu Erlöschen droht. Die Einkehr und die gute Predigt an einem Sonntag oder auch zwischendurch zur Mittagszeit kann sehr aufbauend wirken und helfen. Vielen Dank für diesen Blog, den ich über einen Facebook-Freund entdeckt habe, er fördert den Lutherweg unserer Region Vogelsberg.

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