Darf ich mir in der Gemeindearbeit eigentlich Ziele setzen?

Dürfen wir uns in der Gemeindearbeit eigentlich Ziele setzen? An dieser Frage scheiden sich oftmals die Geister. In der einen Ecke stehen die deutlichen Befürworter. Sie irritiert schon die Frage an sich. Worin sollte hier denn ein Problem liegen?

© pakorn / FreeDigitalPhotos.net

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In der anderen Ecke positionieren sich die scharfen Kritiker. Sie befürchten, dass wir oftmals in einen „Machtbarkeitswahn“ verfallen. Sie monieren, dass wir mit menschlichen Mitteln das zu schaffen versuchen, was eigentlich nur Gott schenken kann.

„Wir wollen unseren Gottesdienstbesuch erhöhen.“

Buchstabieren wir die Frage einmal an einem konkreten Praxisbeispiel durch. Wir setzen uns als Gemeinde das folgende Ziel: „In den nächsten zwei Jahren wollen wir den durchschnittlichen Gottesdienstbesuch von 40 auf 60 Personen erhöht haben.“

Was ist von einem solchen Ziel zu halten? In den meisten von uns steigt wahrscheinlich sofort ein Gefühl auf. Skepsis oder Euphorie?

Mancher lässt sich vielleicht begeistern von der Aussicht auf besser besuchte Gottesdienste. Andere fangen sofort an kritisch zu fragen. Und hier gibt es in der Tat mehrere Aspekte, an denen man ansetzen könnte. Ich nenne einmal sechs gewichtige:

1) Gottesdienstbesuch = Glaube? Was wäre denn mit mehr Gottesdienstbesuchern gewonnen? Am Ende geht es doch um den Glauben und den können wir nun einmal schlecht messen. Und nur weil die Kirche voller ist, bedeutet das noch lange nicht, dass auch „geistlich“ mehr passiert.

2) Haben wir das in der Hand? Selbst wenn man sich ein so ehrgeiziges Ziel setzt, stellt sich doch die Frage, ob man die Erreichung dieses Zieles denn selbst in der Hand hat. Die Gründe, warum Menschen in den Gottesdienst kommen oder nicht, sind sehr vielschichtig und komplex und deshalb auch nicht einfach steuerbar.

3) Vertrauen wir Gott? Dann stellt sich noch die Frage nach dem Gottvertrauen. Paul Gerhardt hatte es ja so treffend formuliert: „Bist du doch nicht Regente, der alles richten soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“ Wer solche Ziele formuliert, der drückt damit aus, dass er Gott nicht vertraut und das Zepter selbst in die Hand nehmen will.

4) Das ist doch werkgerecht! Evangelisch sein bedeutet doch, seinen Wert nicht an seine Leistung zu hängen. Drücken solche Ziele nicht aber implizit doch eine Werk- und Leistungsgerechtigkeit aus?

5) Die Kirche ist doch kein Unternehmen! Leiten mit Zielen, das kennen wir vom Arbeitsplatz. Aber muss das jetzt auch noch in der Kirche sein. Kirche ist aber Kirche und kein Unternehmen!

6) Solche Ziele sind zu defizitorientiert! Zu guter Letzt atmen solche Ziele doch auch einen ziemlich negativen Geist, oder? Solche Ziele sind nie zufrieden mit der Realität und disqualifizieren die gegenwärtige Gottesdienstgemeinde doch offensichtlich auch als defizitär. Wir sollten hingegen vielmehr das wertschätzen, was wir schon haben!

Sich den Sinn von Zielen zu verdeutlichen, hilft dabei, die Diskussion zu entkrampfen

Ich hätte große Lust, auf jeden der Einwände dezidiert einzugehen. Ich möchte mich aber auf einen einzigen Aspekt beschränken. Er könnte helfen, die Diskussion ein wenig zu entkrampfen.

Es ist hilfreich, sich den eigentlichen Sinn von Zielen noch einmal vor Augen zu führen: Ziele ziehen! Das ist meiner Meinung nach ihre wichtigste Funktion. Ein Ziel zieht. Es wirkt also handlungsleitend. Es führt dazu, dass ich mir unter all den Handlungsoptionen, denen ich jeden Tag gegenüberstehe, Prioritäten setze. Ein Ziel führt dazu, dass ich anfange mir bestimmte Fragen zu stellen.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit den Gottesdienstbesucherzahlen. Vielleicht ist das Entscheidende gar nicht, dass wir nach zwei Jahren auch wirklich 20 Menschen mehr im Gottesdienst sitzen haben. Aber wir haben angefangen, dass Thema einer guten Gottesdienstgestaltung oben auf unsere Agenda zu setzen. Und wir fangen an uns wichtige Fragen zu stellen: „Warum kommen bestimmte Menschen nicht in den Gottesdienst? Was hilft ihnen, Gott zu begegnen und was auch nicht?“

Mir hat übrigens das Ende von Tim Kellers Buch „Center Church“ gut gefallen, da er hier versucht Gottes- und Menschenhandeln angemessen zusammenzubinden. Er schreibt:

You can do this ministry with God’s help – so give it all you’ve got. You can’t do this ministry without God’s help – so be at peace. Jesus captured both of these truths in one verse recorded in John’s gospel: “I am the vine; you are the branches. If a man remains in me and I in him, he will bear much fruit; [but] apart from me you can do nothing.

Dieser Beitrag wirft womöglich mehr Fragen auf als er Antworten gibt. Das ist auch gut so! Was ist eure Meinung? Was haltet ihr von dem oben genannten Ziel? Befürwortet ihr eine solche Art von Zielen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Ich freue mich auf einen Kommentar!

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