Sieben Wochen ohne „Gott“? – Zur Predigt-Fastenaktion „ohne Große Worte“

Halleluja! Die Fastenzeit ist zu Ende. Und mit ihr ist auch die Aktion des „Zentrum für evangelische Predigtkultur“ vorbei. Sie hieß „ohne Große Worte“. Die Idee: Prediger sollten einmal sieben Wochen auf so manche „große Worte“ verzichten und sich in sprachlicher Genügsamkeit üben. Dazu erschien eine Art „rote Liste“ mit 49 Beispielen (Hier dazu mehr).

© stockimages / FreeDigitalPhotos.net

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Hier fand man Worte wie „Frieden“, „Wahrheit“, „Kreuz“ und eben auch „Gott“. So wie ich das Anliegen verstanden habe, ging es keineswegs darum, diese Worte grundsätzlich aus dem pastoralen Vokabular zu streichen, sondern sie durch einen temporären Verzicht neu zur Klarheit zu bringen, indem man den Inhalt mit anderen Worten auf den Punkt bringt.

Was für ein Fazit lässt sich nach sieben Wochen ziehen? Ein Urteil will ich gar nicht sprechen. Zum einen bin ich selbst kein Pastor und stand in dieser Zeit nicht auf der Kanzel. Zum anderen konnte ich auch leider keine Predigt „ohne große Worte“ live erleben. Die Gemeinden, die ich besucht habe, hatten business as usual betrieben.

Ich konnte deshalb nur manches im Netz querlesen. Aber der Grundgedanke der Aktion hat mich dennoch zum nachdenken gebracht.

Inhaltlicher Substanzverlust?

Ich selbst bin im konservativen Protestantismus beheimatet. Da kann man sich so manchen Aufschrei denken, den ich tatsächlich auch zu hören bekommen habe. Auf den ersten Blick: Droht mit einer solchen Aktion nicht der inhaltliche Ausverkauf? Theologie light?

Wer aber näher hinschaut, stellte schnell fest, dass auf der „roten Liste“ Lieblingsbegriffe aller möglichen „theologischen Couleur“ zu finden waren. Von „Gesetz“, „Zorn“ und „Gehorsam“ hin zu „Frieden“ und „Gerechtigkeit“.

Und außerdem ging es ja nicht darum, auf die mit diesen Begriffen verbundenen Inhalte zu verzichten, sondern aufzuhören, sich gemütlich und sicher hinter diesen Worten zu verstecken.

„To make things happen“

Das Tolle an dieser Aktion war, dass sie homiletisch ganz mit dem auf einer Linie liegt, was Martin Nicol so treffend mit „to make things happen“ beschrieben hat. Knapp gesagt: In einer Predigt soll nicht über Trost geredet werden, sondern konkrete Menschen sollen getröstet werden. In einer Predigt soll den Menschen nicht der Begriff „Rechtfertigung“ um die Ohren gehauen werden, sondern es soll sich „Rechtfertigung“ ereignen.

Genau dazu aber lud die Fastenaktion ein. Nicht alles selbstverständlich vorauszusetzen, sondern sprachlich und inhaltlich daran zu arbeiten, dass aus Begriffen Wirklichkeit wird.

In diesem Sinne kann ich der Aktion voll und ganz zustimmen und würde mir in mancher Hinsicht sogar „sieben Jahre ohne Große Worte“ wünschen.

Wenn da nicht die Sache mit „Gott“ wäre…

An einem Punkt bin ich jedoch bei aller prinzipiellen Zustimmung ins Grübeln gekommen. An dieser Stelle bin ich mit meinen Überlegungen auch nicht fertig und würde mir wünschen, dass darüber eine homiletische Diskussion angestoßen werden könnte, die auch über die Fastenzeit hinausgeht.

Es geht um die Namen, die Personen: „Gott, Vater, Jesus Christus und der Heilige Geist.“ Denn hier wird es wirklich herausfordernd. Denn nach meinem theologischen Verständnis – und ja, ich weiß, hier kann man durchaus anderer Meinung sein – ist die Predigt in erster Linie Ausrichtung einer Botschaft. Sie ist Rede von Gott (Mehr dazu, habe ich hier geschrieben).

Wie kann ich aber über Gott reden, ohne seinen Namen zu nennen? Ein Rückzug auf die Verwendung von Pronomen wie „Er“ scheint mir nicht die Lösung zu sein. Oder soll ich ganz auf das „transzendente Element“ verzichten?

Der Wahrheitsmoment besteht sicherlich darin, dass auch diese Namen leer werden können. Allzu schnell meine ich immer schon zu wissen, wer „Jesus Christus“ denn genau ist und vermag so nicht mehr neue Facetten wahrzunehmen, die mir im Predigttext begegnen.

Am Ende des Tages scheint es mir ganz auf eine Art homiletischen Universalienstreit hinauszulaufen. Realismus oder Nominalismus? Denn schon im Mittelalter stritt man sich darum, ob es diese „großen Worte“ eigentlich an sich gibt, oder ob es nur später gebildete, gedankliche Konstrukte sind, die dem Ding an sich hinterherlaufen. Oder etwas pathetisch formuliert: „Ist Gott nur ein sprachliches Konstrukt, auf das wir getrost verzichten können oder der Name, der vor dem Beginn des Universums da war?“

So viel einmal von mir. Ich würde mich sehr freuen, weitere Gedanken dazu lesen zu dürfen!   

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2 responses to “Sieben Wochen ohne „Gott“? – Zur Predigt-Fastenaktion „ohne Große Worte“”

  1. Jonathan Wahl says :

    Hey Malte!
    Ich stimme dir zu: die leeren Worte vermeiden, das ist gut, aber im Namen Jesu liegt nunmal das Heil.

    Allerdings kommt der ja auch in der Liturgie vor. Somit ist es theoretisch möglich, in der Predigt Umschreibungen zu finden.
    Ich persönlich finde CHEF echt gut.

    Und zum Thema passend ist: Ich kenne nichts – Xavier Naidoo

    Gottes Segen!
    Dein Bruder im Chef;)
    Jonathan

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