Zeitgemäß über Sünde predigen

Über Sünde predigen? Es gibt gute Gründe, das bleiben zu lassen. Das Konzept der Sünde erscheint unverständlich und unzeitgemäß. Tim Keller bietet jedoch eine spannende Alternative: zeitgemäß und doch theologisch stimmig. Überzeugt sie Dich auch?

©  David Castillo Dominici / FreeDigitalPhotos.net

© David Castillo Dominici / FreeDigitalPhotos.net

Denken wir doch einmal an den Fall, ein Fremder verirrt sich zufällig in unseren Gottesdienst. Mit Sünde wird er wohl in der Regel nichts anfangen können. Sprächen wir ihn an, könnte sich folgender Dialog ergeben:

A: „Du bist Sünder.“
B: „Nö. Warum?“
A: „Weil Du gegen Gottes Gebote verstoßen hast, wie sie in der Bibel stehen.“
B: „Ich glaube nicht daran, dass es solch offensichtliche, allgemeingültige Gebote Gottes gibt. Jeder muss das für sich selbst entscheiden. Außerdem bin ich doch kein schlechter Mensch. Ich habe noch nie eine Bank überfallen oder jemanden umgebracht. Ich bin kein Sünder.“

Wir brechen hier ab. Offensichtlich kann man nicht über Sünde sprechen, ohne tief im christlichen Weltbild beheimatet zu sein.

Warum nicht gleich auf das Konzept Sünde verzichten?
Was ist die Alternative? Man kann auf die Rede über Sünde verzichten. Oder man kann sie beibehalten, aber macht dogmatisch zahlreiche Abstriche. Man kann Sünde zum Beispiel auf psychologische Schuldgefühle reduzieren.

Aber auch diese Aussicht stimmt mich nicht sonderlich fröhlich. Aus dogmatischer Perspektive ist die Rede von der Sünde meines Erachtens unverzichtbar. So ist sie Bestandteil der für lutherische Theologie so wichtigen Thematik von Gesetz und Evangelium. Das Gesetz zeigt ja als Spiegel meine Sünde auf. Vereinfacht gesagt: Die Sünde ist das Problem, für welches das Evangelium die Lösung ist.

Also: Wie können wir mit Menschen über Sünde reden, ohne gleich ein christliches Weltbild vorauszusetzen?

Tim Keller über Sünde als Götzendienst
Eine interessante Alternative bietet Tim Keller. Er stellt sie in diesem Video vor.

Dieser Vortrag lohnt sich wirklich. Vor allem die ersten 45 Minuten. Das ist sein Gedankengang:

„Was ist das Fundament Deines Lebens? Was macht Deine Identität und Deinen Selbstwert aus?“ Oder anders: „Welches Ding, wenn Du es verlierst, führt dazu, dass Du aufhören möchtest zu leben, weil Dein Leben ohne es keinen Sinn mehr macht?“

Die Bibel nennt dieses Ding einen Gott; oder negativ: einen Götzen. Ein Götze ist das, was wir mehr lieben als Gott, trotz aller frommen Lippenbekenntnisse.

Der Punkt ist, dass jeder Mensch seine Identität von irgendeiner Größe abhängig macht. Praktisch hat jeder Mensch damit einen Gott. Beispiele gibt es viele: Geld, Leistung, Familie, Romantik, Kinder, Sicherheit, Karriere, usw.

Was ist nun Sünde? Keller knüpft hier an Augustin an, der Sünde als „ungeordnete Liebe“ beschreibt. Familie, Karriere, Romantik. All das sind gute Dinge, die wir lieben dürfen und sollen. Doch verlassen sie ihren Platz in der Ordnung, dann ist das Sünde.

Ein Beispiel: Familie sollte in der Ordnung vor Karriere kommen. Doch oftmals kehrt sich diese Ordnung um. Wir lieben unsere Karriere mehr, verbringen viel mehr Zeit mit ihr. Die Familie leidet darunter, geht vielleicht sogar zugrunde. Ungeordnete Liebe zerstört unser Leben.

Na und? Was hat das nun mit Gott zu tun?
Nun geht Keller in seiner Argumentation noch einen Schritt weiter. Was nimmt den ersten Platz in dieser Ordnung ein? Der erste Platz ist unser Gott, unser Götze. Es ist das, was uns Identität und Selbstwert gibt.

Wenn jedoch irgendwas anderes außer Gott selbst an erste Stelle tritt, dann hat das im Endeffekt für unser Leben verheerende Konsequenzen. Denn keines dieser Dinge ist für die erste Stelle gemacht. Keines kann die Sehnsucht im Herzen stillen. Götzen brechen deshalb immer unser Herz.

Viele Menschen setzen Erfolg an die erste Stelle. Doch werden sie dann Stars, bekommen sie oftmals Depressionen. Warum? Sie wachen auf und sind immer noch sie selbst. Die Sehnsucht ist immer noch da.

Sind gute Dinge an erster Stelle, dann lassen sie uns in letzter Konsequenz immer fallen. Ist mein Götze mein Ehepartner, wer bin ich dann, wenn er eines Tages stirbt? Ist mein Götze meine Arbeit, wer bin ich dann, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere oder in den Ruhestand trete?

Fazit: Ich denke, man muss kein Christ sein, um dieses existentielle Problem nachempfinden zu können. So gesehen kann vielleicht auch unser Gottesdienstbesucher nachempfinden, dass er Sünder ist. Dass er seine Identität auf etwas baut, was ihn eines Tages fallen lässt.

Warum wir hier keine theologischen Abstriche gemacht haben
„Verzichte ich mit dieser Argumentation nicht doch auf zentrale dogmatische Einsichten?“ Das mögen manche meiner konservativen Freunde vielleicht fragen. Was ist von Sünde als Rechtsbruch da noch übrig?

Ich sehe hier keinen Widerspruch, sondern einen Zusammenhang. Auf den hat schon Luther hingewiesen. Luther sagte, man könne gegen kein Gebot verstoßen, ohne nicht zuerst gegen das erste Gebot zu verstoßen: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!

Lüge ich zum Beispiel, dann tue ich das womöglich, weil mir die Anerkennung meines Gegenübers wichtiger ist als die Wahrheit. Die Wurzel ist also auch hier ungeordnete Liebe.

Jede Sünde als Rechtsbruch hat somit ihre Wurzel in der Sünde als Götzendienst. Oder mit Römer 1: Ich verwechsele die Schöpfung mit dem Schöpfer.

Frage: Was hältst Du von Kellers Argumentation? Überzeugend, nicht stringent oder gar theologisch defizitär? Fallen Dir für Sünde als „ungeordnete Liebe“ weitere Beispiele ein? Wie würdest Du mit einem Menschen ohne christliches Weltbild über Sünde reden? Ich freue mich über einen Kommentar!

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