Was ist das Besondere von christlicher Leitung?

Führen Christen anders? Was macht ihre Leitung besonders? Viele Antworten werden darauf gegeben, für die meisten aber gilt: „Knapp daneben ist auch vorbei.“

© Stuart Miles / FreeDigitalPhotos.net

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Die meisten von uns haben so ein Gefühl, dass es in der Kirche doch irgendwie anders zugehen müsste als in einem Unternehmen: Besonders wenn es darum geht, Menschen zu führen. In diesem Zusammenhang wird dann gerne auch von „geistlicher Leitung“ gesprochen, um das Besondere des kirchlichen Leitungshandelns zu markieren.

Aber was ist nun das Besondere christlicher Leitung? Auf diese Frage werden die verschiedensten Antworten gegeben:

  • Das Besondere ist, dass ein christlicher Leiter nach dem Willen Gottes fragt.
  • Das Besondere ist, dass sie in einem kirchlichen Kontext stattfindet.
  • Das Besondere ist, dass sie mit christlichen Elementen wie Gebet oder Bibellesen verbunden wird.
  • Das Besondere ist, sein ganz normales Leitungshandeln vom Heiligen Geist benutzen zu lassen.
  • Das Besondere ist ein bestimmter christlicher Leitungsstil, wie zum Beispiel dienende Leitung

Diese Antworten sind meiner Meinung nach zwar irgendwie auch richtig, den Kern treffen sie aber nicht. Die Essenz christlicher Leitung liegt wohl doch wo anders.

Die Essenz liegt in der Rechtfertigungslehre

Ich bin ein evangelisch-lutherischer Christ. Deshalb ist für mich die Rechtfertigungslehre der Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Die Reformatoren nannten sie den „Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt.“

Für mich hat das ganz praktische Konsequenzen. Christliches Leben meint nun, jeden Teilbereich meines Lebens von dem Evangelium her zu verstehen und zu leben. Das ist meines Erachtens die Essenz von Heiligung oder geistlichem Wachstum: Alles von der Rechtfertigung her denken.

Nichts bleibt davon unberührt. Auch das Thema Leitung nicht. Aber wie kann man Leitung von der Rechtfertigung her denken?

Vorbild und Geschenk

Wir können zum Beispiel bei Luthers Unterscheidung von Vorbild und Geschenk einsetzen. Hierzu schrieb er:

Das Hauptstück und der Grund des Evangeliums ist, dass du Christus zuvor, ehe du ihn dir zum Vorbild fasst, aufnimmst und erkennst als eine Gabe und Geschenk, das dir von Gott gegeben und dein eigen sei. So dass du, wenn du ihm zusiehst oder -hörst, dass er etwas tut oder leidet, nicht zweifelst, er selbst, Christus, sei mit solchem Tun und Leiden dein, worauf du dich nicht weniger verlassen kannst, als hättest du es getan, ja als wärest du derselbe Christus.

Das lässt sich prima auch für christliche Leitung anwenden. Nehmen wir zum Beispiel den berühmten Text zum Thema Leitung in Markus 10,35-45 („Vom Herrschen und Dienen“). Jesus spricht hier über das Dienen. Aber oftmals wird dieser Text nur nach dem Vorbild-Schema ausgelegt. Jesus ist für uns das große Vorbild in Sachen Leiterschaft. Er hat mit seinem Leben vorgelebt, wie man durch Dienen leiten kann. Deshalb sollten wir das auch tun.

Unser Ausgangspunkt ist aber nicht Christus das Vorbild, sondern Christus das Geschenk. Das Geschenk ist, dass Jesus mir persönlich dient. Jeden Tag wieder. Das gibt mir Kraft. Ich weiß, er „gab sein Leben als Lösegeld“ für mich. Das Besondere christlicher Leitung besteht dann zunächst einmal darin, sich von Jesus dienen zu lassen.

Gesetz und Evangelium

Ganz ähnlich lässt sich das von einer zweiten reformatorischen Kategorie aus formulieren: Gesetz und Evangelium.

In Markus 10 begegnet mir Gottes Gesetz. Es zeigt mir, wie ich als christlicher Leiter sein sollte. Ich sollte ein Diener sein. Das Gesetz zeigt mir aber im gleichen Atemzug auch, dass ich nicht so bin, wie ich sein sollte. Beim Lesen merke ich schnell: Dienen wie Jesus, daran scheitere ich jeden Tag wieder und wieder.

Doch dann entdecke ich das Wunder des Evangeliums. Nämlich dass Gottes Sohn Mensch wurde, nicht um mir ein Vorbild, sondern ein Geschenk zu sein. Dass er kam um mir zu dienen und sein Leben als Lösegeld für mich zu geben.

Das Besondere christlicher Leitung ist also das Evangelium. Das Besondere christlicher Leitung ist das unbegreifliche Wunder, dass der große Gott, da wo ich im Leiten und Dienen versage, mir zum Diener geworden ist.  Von hier aus wird dann alles andere zu fließen beginnen.

Frage: Was ist Deiner Meinung nach das Besondere an christlicher Leitung? Welche Konsequenzen ergeben sich aus DIESEM Evangelium deiner Meinung nach für christliche Leitung? Hinterlasse Deine Ideen gerne als Kommentar!

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4 responses to “Was ist das Besondere von christlicher Leitung?”

  1. Daniel says :

    Ich hätte gesagt: christliche Leitung hat zum Ziel, das Reich Gottes aufzubauen. Darin unterscheidet sie sich. Die Zielrichtung ist also das Besondere. Für mich ist noch nicht klar, welche praktischen Konsequenzen sich ergeben, wenn ich Leitung von der Rechtfertigung her denke.

    • Malte says :

      Guter Punkt! Ich geb gerne zu, dass der Artikel auch mehr ein Schuss ins Blaue war. Ich denke einfach, dass das Evangelium überall im Zentrum stehen sollte. Warum nicht auch in der Leitungsfrage? Vielleicht aber ist das nur eine theologische Scheinwahrheit, die keine praktischen Konsequenzen hat? Ich musste da erst einmal ein wenig drüber nachdenken.

      Tim Keller hat in diesem Video gezeigt, wie das Evangelium mit Evangelisation zusammenhängt [https://www.youtube.com/watch?v=Y9KKlqr09go (ca. Minute 8-21)]. Vielleicht lassen sich seine Antworten ja auch auf die Leitungsfrage übertragen. Etwa so:

      1) Das Evangelium nimmt christlichen Leitern den Stolz. Ich bin ganz und gar Sünder, der aus Gnade gerettet wurde. Ich habe mir mein Heil mit nichts verdient. In mir tötet das eine Arroganz ab. Gedanken wie: „Wie ist mein Team wieder blöd und inkompetent. Nichts kriegen die auf die Reihe!“ Wenn ich vor Gott weiß, dass ich ein inkompetenter Mensch bin, dann schenkt mir das auch Respekt gegenüber den Menschen, die ich leite und die mir oft so inkompetent erscheinen.

      2) Das Evangelium nimmt christlichen Leitern die Angst. Leiter haben oft Angst. Mache ich mich mit dieser Entscheidung nicht zum Buhmann? Soll ich diesen Konflikt wirklich eingehen? Das Evangelium sagt mir, dass mein Selbstwert und meine Identität aber komplett darin liegen, was Christus für mich getan hat. Das nimmt mir die Angst, als Buhmann dazustehen, etc. und gibt mir Kraft mutig voranzugehen.

      3) Das Evangelium nimmt jeden Pessimismus hinweg. Mit nichts habe ich mein Heil verdient, es ist ein Geschenk. Es ist ein Wunder, dass ein Sünder wie ich Christ werden durfte. Das schließt jeden Pessimismus in der Gemeindearbeit aus. Wenn Gott sogar mein Herz öffnen konnte, warum wird er dann nicht auch in dieser oder jener Leitungsfrage eine Tür finden.

      4) Das Evangelium nimmt Indifferenz hinweg. Es gibt mir Freude. Es will hinaus. Und die Konsequenz ist das, was Du als Reich Gottes aufbauen beschreibst. Von daher schenkt das Evangelium erst die Motivation dazu.

      Und ergänzend zu Keller würde ich noch eine 5. Sache hinzufügen:

      5) Das Evangelium hilft mir Gnade und Wahrheit zusammenzuhalten: Im Evangelium weiß ich, dass meine Sünde verurteilt wird, und ich dennoch gerecht dastehe. Die praktische Konsequenz für Leitung. Ich kann auch einmal etwas gegen eine andere Person durchsetzen, wenn sie falsch liegt und sie dennoch lieben. Trennung von Sünder und Sünde. Ich kann auf der Sachebene widersprechen und auf der Beziehungsebene lieben.

      Ich hoffe, das hilft ein bisschen weiter!

  2. Christoph Klaiber says :

    Der Gedanke, dass christliche Leitung sich im Kern der Rechtfertigung durch Christus verdankt, ist ausgesprochen wichtig. Er kann davor bewahren, sich die Rechtfertigung selbst durch den Erfolg des eigenen Leitungshandelns, durch die Anerkennung der Gemeinde oder der Kirchenleitung, durch das Erreichen eigener Ziele erarbeiten zu wollen. Persönlich habe ich einige Jahre im Dienst gebraucht, um die Rechtfertigungslehre in mein Amtsverständnis hinein zu buchstabieren. Wichtig ist dabei auch die immer wieder zu erneuernde Einsicht, dass der wahre Leiter, Meister, Hirte, Pastor Jesus Christus ist und nicht ich.
    Trotzdem geht es mir hier zu schnell über den Vorbildcharakter des jesuanischen Dienens hinweg. Jesus ist sacramentum UND exemplum, Geschenk und Vorbild. Das Geschenk ist wichtiger und grundlegender, aber dieses Geschenk ist ja eben auch unverdienter, voraussetzungloser Ruf in die Jesusnachfolge (synoptisch ausgedrückt), Einstiftung in die hingebende Liebe Christi (johanneisch), Beginn der neuen Existenz des Christus in mir und des Lebens im Geist, befreit von der Herrschaft der Sünde (paulinisch). Es gibt m.E. keine Stelle im biblischen Zeugnis der Evangelien, in denen der biblisch bezeugte Christus auch nur andeutet, dass seine Worte zur Nachfolge, dass die Bergpredigt, dass die Worte über Jüngerschaft und dienende Leiterschaft nur oder auch nur primär der Erkenntnis dienen sollten, dass ich das nicht schaffe. Jesus geht wohl davon aus, dass es nicht immer gelingt und redet deshalb sehr oft von der Notwendigkeit der Vergebung. Er geht nicht davon aus, dass Nachfolge und dienende Leiterschaft automatisch und immer gelingen werden. Aber er erwartet oft und ausdrücklich, dass seine Worte getan und sein Handeln als Vorbild gesehen wird. (Mt 7,24ff, Mk 10,35ffpar, Joh 13 ganz ausdrücklich dienende Leitung als Beispiel…)
    Besteht nicht hier die Gefahr, durch eine bestimmte hermeneutische Brille lutherischer Herkunft (Trennung von Gesetz und Evangelium, Lehre der usus legis….) zwar einen (oder den) Zentralpunkt sehr deutlich und scharf in den Blick zu bekommen, aber andere wichtige Aspekte der Botschaft der Evangelien nur noch sehr verschwommen wahrzunehmen?

    • Malte Detje says :

      Guter Einwand! Womöglich liegt unsere unterschiedliche Schwerpunktsetzung auch darin begründet, dass lutherische und methodistische Theologie an der Frage nach dem christlichen Leben unterschiedliche Wege gehen.

      Sicherlich bringt die lutherische Brille auch Gefahren mit sich. Mein Argument wäre dennoch immer: Wenn die Hauptsache in den Mittelpunkt gerät (und das wäre in dem Falle Gesetz und Evangelium), werden auch die „guten Früchte“ folgen. Etwas platt formuliert: Man macht die Menschen nicht zu Dienern, in dem man ihnen sagt, dass sie dienen sollen, sondern in dem man ihnen Jesus vor Augen malt.

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