7 Erkenntnisse und 1 Kritikpunkt vom Willow-Leitungskongress 2014

Wenn Du auf dem Willow-Kongress in Leipzig warst, könnte Dir dieser Artikel helfen, Deine Gedanken zu ordnen und die Tage noch einmal vor Deinem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Wenn Du nicht dabei warst, gibt Dir dieser Artikel einen Überblick.

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Letze Woche war ich auf dem Willow-Creek-Leitungskongress in Leipzig. Ich bin sehr aufgebaut nach Hause gefahren und mein prinzipieller Eindruck war positiv. Im Nachklang bin ich noch einmal meine Notizen durchgegangen und habe sie auf sieben wesentliche Erkenntnisse reduziert. Aber auch ein Kritikpunkt muss sein.

Erste Erkenntnis: „Heiligung meint aus der Quelle unserer Freude zu leben.“

Für mich war Martin Schleske das Highlight des Kongresses. Der Geigenbauer entfaltete anhand seines Berufs die Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Er sprach über Rechtfertigung und Heiligung.

Manchmal arbeitet man als Geigenbauer mit einem stumpfen Messer. Dann sagt man sich „Es reicht schon noch.“ Oftmals sagen wir Christen genau das zu Gott. Wir denken, wir bräuchten es gerade nicht, unser Herz von ihm schärfen zu lassen. Aber:  „Es kostet ungeheure Kraft mit einem stumpfen Herzen zu leben.“

Schleske sprach weiter darüber, was es heißt, sich selbst gegenüber barmherzig zu sein. Denn Selbstentwertung sei mit Martin Buber gesprochen eine dämonische Versuchung. Schon Ignatius von Loyola hatte darauf hingewiesen, dass wenn es dem Feind nicht gelinge, unsere Seele zu vergröbern, er alles daran setze, sie über die Maßen zu verfeinern. Diese überfeine Seele hält dann alles für eine Sünde. Dagegen sagen wir uns selbst jedoch: „Nicht Du, sondern das Lamm Gottes trägt die Sünde der Welt.“

Schleske entlarvte auf eine geniale Art und Weise ein falsches Verständnis von Heiligung. Heiligung meint eben nicht, an mir zu arbeiten. Provokant fragte er: „Wie kommen wir eigentlich zu der Überheblichkeit, dass wir an uns arbeiten könnten?“  Vielmehr haben wir einen Meister, der uns zum Klingen bringt. Daraus ergibt sich ein neues Bild von Heiligung: „Heiligung meint aus der Quelle unserer Freude zu leben.“

Zweite Erkenntnis: „Macht keine Innovation für die Gemeinde, sondern mit der Gemeinde.“

Der amerikanische Lutheraner (!) Richard Webb sprach über Innovationsprozesse in der Gemeinde. Beindruckt hat mich die Klarheit, mit der er Veränderung um des Veränderns willen ablehnte. Für Innovation gebe es vielmehr nur einen Grund: Die Verkündigung des Evangeliums zu unterstützen.

Aber daneben gelte ein Zweites. Dieser Grund meint dann eben auch, radikal zu innovieren, wenn es dafür nötig ist.

Klasse fand ich auch seine Absage an ein Top-Down-Denken: „Macht keine Innovation für die Gemeinde, sondern mit der Gemeinde.“ Gemeine sollen Partner der Veränderungen werden.

Dritte Erkenntnis: „Die Kirche Jesu wird bleiben, weil Jesus bleibt.“

Diesen Satz sprach uns Michael Herbst als Trost zu. Mit einem Ausflug in die Ekklesiologie unterschied er in die unsichtbare Kirche und die irdischen Kirchtümer.  Auch für die kleinste Gemeinde gilt darum der Trost: „Du bist meine geliebte Gemeinde, denn ihr habt Jesus und den kann euch niemand nehmen.“ Für jedes Kirchtum ist es aber auch Ermahnung: Es gibt keine Bestandsgarantie für eine Kirche, die sich von Jesus lossagt.

Vierte Erkenntnis: „In turbulenten Zeiten braucht es Disziplin, Kreativität und Paranoia.“

Der Managementguru Jim Collins wurde zwar nur über Video eingespielt, aber sein Vortrag war ein echter Gewinn. Will eine Organisation, also auch eine Kirchengemeinde, in turbulenten Zeiten bestehen, dann brauche es drei Dinge.

  • Erstens bedarf es einer fanatischen Disziplin. Jeder Tag ist ein 20-Meilen- Marsch. Bei Disziplin geht es um Beständigkeit und fortlaufende Aktivität. Mittelmäßigkeit hingegen sei nicht der Widerwille gegen Veränderung, sondern chronische Inkonsequenz.
  • Zweitens brauche es empirische Kreativität. Das meint, dass wir mehr kleine Experimente wagen sollten, um zu ermitteln, was funktioniert.
  • Zuletzt benötigen wir eine produktive Paranoia. Wir wappnen uns für die schwiegen Zeiten und operieren also nicht ständig am Leistungslimit.

Fünfte Erkenntnis: „Es ist nicht das Ende, es ist erst Samstag.“

Leider wiederholt John Ortberg auf Willow-Kongressen nur seine Predigten aus seiner Gemeinde in Kalifornien. Dennoch war die Predigt über den Karsamstag sehr ansprechend. Karsamstag ist der Zwischentag.

E ist der Tag nachdem das Gebet gesprochen wurde, aber bevor es beantwortet wurde. An Samstagen müssen wir weitermachen, ohne zu wissen, wie und warum.

An Karsamstagen kann man schon einmal verzweifeln und denken, es bleibe immer Freitag. Oder man verleugnet die Realität und tut so, als wäre schon Sonntag. Die Aufgabe für den Christen sei es jedoch zu warten.

Im Glaubensbekenntnis gibt es jedoch die spannende Rede von der Höllenfahrt Christi. Am Samstag hat Jesus die Macht der Hölle gebrochen. Das gibt uns Hoffnung, die einzige Aufgabe, die wir nicht delegieren können.

Sechste Erkenntnis: „Die Gemeinde ist eine Festgemeinschaft der Versöhnung.“

Michael Herbst zeichnete in seinem Vortrag in Anlehnung an die Geschichte vom verlorenen Sohn ein Bild von Gemeinde als Festgemeinschaft der Versöhnung. An der Tür zum Festsaal ereigne sich Gemeinde. Wir Christen sind die älteren Brüder und auf unsere eigene Art und Weise verloren, wie all die Nicht-Christen als jüngere Brüder. Die traurige Realität ist leider oftmals: „Jüngere Brüder gehen und bleiben weg, weil sie wahrnehmen, dass die Kirchen voller älterer Brüder sind.“

Mit den jüngeren Brüdern treten wir gemeinsam in den Festsaal Gottes ein. Doch bei all dem gilt: „Wir werden damit nicht die Welt transformieren, aber ein Brief Christi können wir sein.“

Siebte Erkenntnis:  „Die hohe Relevanz von generationsübergreifenden Gottesdiensten.“

Kara Powell vom Fuller Theological Seminary sprach über den sogenannten sticky faith. Bekannt war mir, dass viele junge Erwachsene ihren Bezug zu Glaube und Kirche verlieren, wenn sie mit der Schule fertig sind.  Interessant war jedoch die Studie, die sie in Grundzügen vorstellte.

Es wurde untersucht, was den Ausschlag dafür gibt, dass Jugendliche ihren Glauben behalten (sticky faith). Positiv wirkten sich Bibellektüre, Dienst und Einsatz für Gerechtigkeit aus. Die höchste Korrelation gab es für mich überraschend jedoch mit generationsübergreifenden Gottesdiensten.

Ein Kritikpunkt: Bill Hybels und sein Hang zur Gesetzlichkeit

Nach all dem Schönen muss ich doch noch ein wenig Frust ablassen. Es geht um Bill Hybels latenten Hang zur Gesetzlichkeit. Ich würde ihn fast schon als Häretiker im ursprünglichen Sinne des Wortes bezeichnen, wenn das nicht so missverständlich wäre. Häresie kommt vom griechischen Wort für „Herausheben.“ Die Nebensache wird hier zur Hauptsache.

Besonders in der letzten Session kam Hybels Hauptanliegen durch: Wir erfahren Gottes Willen, gehorchen ihm und geben uns ihm ganz hin. Das schimmerte speziell in seinem „Morgengebet eines ernsthaften Christen“ durch. Hier gibt der Christ sein Leben hin und akzeptiert die Aufgabe, die Gott für ihn vorgesehen hat.  „ Du verdienst mein bestes, also gebe ich es dir heute.“

Das ist in der Form nur Werkgerechtigkeit. Gehorsam gegen Gottes Willen ist nicht die Hauptsache, sondern eine wichtige Nebensache, die aus der wirklichen Hauptsache fließt. Wie das geht, hat Martin Schleske vorgemacht.

Bill, das kannst Du besser. Und du hast es auch schon einmal besser gemacht (Siehe hier). Wobei fairerweise gesagt werden sollte, dass Bill Hybels im letzten Moment noch einmal die Kurve gekriegt hat. Er endete mit einem Zitat aus Röm 12,1, wo Paulus jenes Verhältnis von Haupt- und Nebensache auf den Punkt bringt. Heiligung ist eine Konsequenz der Rechtfertigung.

Mein Morgengebet ist dann lieber: „Lieber Herr Jesus, lass mich aus der Quelle meiner Freude leben.“

Frage: Was waren Deine wichtigsten Erkenntnisse des Kongresses? Was Deine Kritikpunkte? Erwähnst Du, das nächste Mal in Hannover 2016 hinzufahren? Hinterlasse Deine Antwort gerne als Kommentar!

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3 responses to “7 Erkenntnisse und 1 Kritikpunkt vom Willow-Leitungskongress 2014”

  1. preachitbaby says :

    Sehr schöne Zusammenfassung, das hört sich wirklich spannend an!

  2. Bine Schumacher says :

    Danke, Malte! So habe auch ich ein wenig Einblick bekommen. Nach so viel gutem Feedback von unterschiedlicher Seite, hole ich mir vielleicht mal den Vortrag vom Geigenbauer 😉

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