Der schwerste Teil der Predigt ist, man glaubt es kaum, von Gott zu reden

Egal welcher theologischen Couleur, meiner Beobachtung nach fällt es vielen Predigern schwer, schlicht und einfach von Gott zu reden. Viele merken leider nicht einmal, dass sie es selbst auch nicht tun. Eine erfrischende Perspektive gibt Tolkien im „Herrn der Ringe“.

© dan / FreeDigitalPhotos.net

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Mit diesem Thema ringe ich übrigens selbst noch und meine Gedanken dazu sind noch nicht fertig. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht so schlimm. Was ich aber zurzeit denke, möchte ich euch vorstellen.

Das Evangelium ist eine Botschaft, keine Handlungsanweisung

Als Prediger soll ich das Evangelium verkündigen. Aber was heißt das eigentlich? In dem kleinen Büchlein „Mach mal Pause“ schrieb Klaus Eickhoff schon vor etwa 30 Jahren:

Die erste Christenheit hat die Summe des christlichen Glaubens in einem einzigen Wort zusammengefasst: Evangelium. Es kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie gute Meldung oder frohe Botschaft. Seinen Sitz im Leben hat dieses Wort im damaligen Kampfesgeschehen: Die Männer zweier feindlicher Parteien führen weit draußen außerhalb der Stadt einen erbitterten Krieg. Von Sieg oder Niederlage hängt das Leben de Zurückgebliebenen ab. Sie sind ängstlich gespannt: alte Menschen, Frauen, Jugendliche, Kinder. Sie warten und warten auf den Boten, der die Meldung bringen soll. Schließlich kommt der Läufer angekeucht. Welche Nachricht wird er bringen? Sieg oder Niederlage, Leben oder Tod? Er ruft bereits von ferne. Er ist nicht zu verstehen. Da ist er näher heran. Laut und deutlich vernehmen es die Leute. Sein erstes Wort: „Euangelion!“ Die Menschen fallen sich begeistert in die Arme. Evangelium! Gute Meldung! Frohe Borschaft! Wir haben den Sieg!

Mir leuchtet das ein und ähnlich argumentiert übrigens auch Timothy Keller in „Center Church“. Die Pointe ist die gleiche: Das Evangelium ist in erster Linie keine Handlungsanweisung, sondern eine Botschaft. Es ist eine Geschichte, die dann womöglich aber durchaus ethische Konsequenzen hat. Es geht erst einmal nicht darum, dass ich mich mit den Personen auf dem Schlachtfeld identifizieren kann, sondern dass sie einen Kampf an meiner Stelle und mir zu Gute gewonnen haben.

Viele Prediger scheinen sich aber genau damit schwer zu tun: Schlicht und einfach eine Botschaft auszurichten.

Ein Blick in die Predigt der Gegenwart

Von einer eher liberal geprägten Theologie mag man das eh erwarten. Und hier ist es auch irgendwie konsequent. Denn nach der subjektivitätstheoretischen Wende im Anschluss an Schleiermacher hat ja jedes Reden vom Wesen und Handeln Gottes den etwas faden Beigeschmack der Metaphysik, die man doch vermeiden will. Wer Gott ist und was er für uns getan hat, lässt sich so schwerer sagen.

Aber auch in „frommen Kreisen“ scheint oftmals die alte Theologie Wilhelm Herrmanns aufzuleben: „Von Gott können wir nur sagen, was er an uns tut.“ Auch hier tut man sich oftmals schwer, schlicht und einfach nur von Gott zu reden.

Offensichtlich wird das besonders im folgenden Fall: Der Predigttext redet über Gott, wir machen daraus aber eine Handlungsanweisung für den Menschen. Redet der Text vom guten Hirten, dreht sich die Predigt darum, wie wir ein gutes Schaaf werden können, das sich finden lässt.

Im Mittelpunkt steht oftmals nicht, dass Gott die Liebe ist, sondern wie wir diese Liebe erfahren können. Thema ist nicht das Geschenk, das uns Gott in Jesus Christus gibt, sondern wie wir dieses Geschenk annehmen können.  Thema ist nicht der heilende Jesus, sondern wie ich diese Heilung selbst erleben kann.

Damit ich nicht missverstanden werde: Erfahren, Erleben, Annehmen – das ist alles schon wichtig, aber eben nicht das Eigentliche. Es braucht oftmals eben doch einen Schuss mehr Orthodoxie und etwas weniger Pietismus.

Von Filmen lernen – Der Herr der Ringe

Im Dezember habe ich Tolkiens „Herr der Ringe“ als Hörbuch gehört. Und wie es sich gelohnt hat. Beim Hören ist mir eine Sache aufgefallen. Mit den coolsten Figuren des Buches kann ich mich nicht identifizieren. Ich bin nun wirklich nicht so klug wie Gandalf oder edel wie Aragorn. Und wenn ich ehrlich bin auch nicht so tapfer wie Frodo. Und dennoch zieht mich diese Geschichte in ihren Bann. Die Geschichte sagt mir erst einmal wenig, was ich konkret tun soll, aber ich werde in sie hineingenommen. Sie geschieht mir zu Gute. Der Sieg über das Böse, den andere für mich vollbringen.

So ist es doch irgendwie mit allen guten Filmen, oder? Ich komme nicht direkt vor, aber dennoch sprechen sie mich sehr an. Sie erzählen eine Geschichte über jemand anderen, die aber doch für mich eine große Bedeutung hat.

Frage: Wie erlebst Du es beim Predigthören: Leidest Du eher an zu viel oder zu wenig Botschaft? Hat Wilhelm Hermann doch irgendwie recht? Läuft das Plädoyer dieses Beitrages nicht darauf hinaus, am Leben der Hörer vorbei zu predigen?

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4 responses to “Der schwerste Teil der Predigt ist, man glaubt es kaum, von Gott zu reden”

  1. Daniel Renz says :

    Zustimmung! Mit einer kleinen Präzisierung: Auch zu sagen, „was Gott an uns tut“, wäre schon ein gewichtiger Fortschritt gegenüber unserer Tendenz, vor allem klar und deutlich zu sagen, was wir alles tun sollen … Hier noch was Aktuelles zum Thema: http://www.theolobias.de/2014/01/08/jesus-und-die-sprachlosigkeit/

  2. Elisabeth Eberle says :

    Elisabeth: Danke für den Artikel. Ich leide oft an zu viel Information im Sinne von, das was im Predigttext steht wird mit eigenen Worten wiederholt, was ja nicht verkehrt ist und dann eingeschnürt gemäß der „Glaubensfrage“: Und was bringt mir das jetzt für meinen Alltag?“ Oder „Was hat das jetzt mit mir zu tun?“ Es geht mir wie Du schreibst.: Ich MUSS gar nicht immer wissen, was das jetzt mit mir zu tun hat in Lage x oder y. Wenn ich ergriffen bin vom Evangelium, von Gott, dann hat das sowas von sehr mit mir zu tun, dass die praktische Anwendung mich so wenig umtreibt wie nur was:-) Ich bin sehr dafür, dass wir uns in den Predigten immer wieder darum bemühen, über das Wesen Gottes zu reden, es trägt unser Leben und manches (oder vieles?) ergibt sich dann, oder ergäbe sich dann. Braucht aber Mut, um so zu predigen, I know …

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