Warum Work-Life-Balance irgendwie Blödsinn ist

Eine gute Führungskraft macht sich doch selbstverständlich auch über Work-Life-Balance Gedanken, oder etwa nicht? Wer beruflich unter Stress steht, der sehnt sich oft nach der perfekten Symmetrie zwischen Arbeit und Leben. Ich finde das irgendwie Blödsinn. Hier sind drei Gründe, warum das so ist.

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© chanpipat / FreeDigitalPhotos.net

Natürlich treffen die folgenden drei Vorwürfe längst nicht alle Work-Life-Balance-Konzepte. Diese sind ja auch sehr unterschiedlich. Aber der geneigte Leser wird sich vielleicht doch an der einen oder anderen Stellen wiedererkennen.

1) Na toll! Jetzt stresst mich auch noch meine Freizeit.

Viele Work-Life-Balance Konzepte empfehlen, dass ich meine Freizeit bewusst gestalte, damit sie für mich auch wirklich erholsam wird. Ich brauche dann irgendein aufregendes und entspannendes Hobby. Damit wird dann auch die Freizeit zu einem Projekt, bei dem ich etwas leisten muss.

Wenn ich jetzt den gesamten Sonntagnachmittag auf dem Sofa verbringe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Schließlich müsste ich mich ja aktiv erholen. Wer schon einmal in Kiel wohnt, der müsste doch Segeln gehen. Sport machen soll ja auch so kraftspendend sein. Und Schwupps ist der Druck nun auch in der Freizeit da.

Einfach mal ein wenig Zeit vertrödeln – Das passt nicht zum Bild des hoch leistungsfähigen Spitzenmanagers, der in seiner raren Freizeit gerade für seinen dritten Marathon trainiert. Aber ganz ehrlich: Ich brauche kein Work-Life-Balance-Konzept, dass mich nun auch noch in meiner Freizeit stresst.

2) Work-Life-Balance ist so was von gestern – heute ist Work-Life-Blending angesagt.

In klassischen Work-Life-Balance-Konzeptionen wird von zwei starren Bereichen ausgegangen, die sich gegenüberstehen. Da ist der Bereich der Arbeit auf der einen Seite und der Bereich der Freizeit oder des sonstigen Lebens auf der anderen Seite. Beide gilt es in Balance zu halten.

In Zeiten von Smartphones, Facebook und Skype ist das nicht mehr wirklich zeitgemäß. Diese Bereiche gibt es nur noch idealtypisch. Experten sprechen deshalb davon, dass der Trend mehr und mehr zum Work-Life-Blending geht. Arbeit, Freizeit und Leben überlappen sich mehr und mehr.

An meinem Schreibtisch checke ich auch private Emails. Außerdem bin ich hier auch mal auf Facebook unterwegs. Arbeite ich deshalb weniger? Keineswegs. Denn Zuhause, wenn der Kopf einmal zur Ruhe gekommen ist, tauchen auf einmal die richtig guten Ideen auf. Gute Ideen für ein Projekt, an dem ich gerade beruflich arbeite.

Als angehender Pastor wird ein solches Work-Life-Blending für mich später einmal sowieso Realität sein. Für viele andere ist es das jetzt schon. Manch einer arbeitet ganz zu Hause. Dann sollten wir einfach kein schlechtes Gewissen haben, wenn sich beide Bereiche überlappen. Es ist nun einmal unsere Zeit.

3) Work-Life-Balance ist mir entschieden zu langweilig!

In einigen Work-Life-Balance-Modellen werden meine Lebensbereiche mit Zeitkontingenten versehen. Eine Woche besteht dann etwa aus: 40 Stunden Arbeit, 5 Stunden Sport, 4 Stunden Hobby, 3 Stunden „Aktivitäten mit Freunden“…. „Gähn“.

Solche Entwürfe langweilen mich, sind mir zu starr und lassen jede Form von Leidenschaft vermissen. Ich mag mein Leben auch mal gerne ohne Balance. Sprich: Ich arbeite gerne auch mal eine Woche 60 Stunden oder mehr, weil mich ein Projekt gerade so sehr fasziniert. Ich gehe gerne an meine Leistungsgrenze – und will mir von Work-Life-Balance-Modellen dabei kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Dann gibt es aber auch Wochen, in denen spontan ein guter Freund zu Besuch kommt und ich auf keine 40 Stunden Arbeit in der Woche komme. Also bitte keine starren Konzepte.

Aber das Hauptanliegen bleibt trotzdem richtig.

Ich finde Work-Life-Balance in seiner klassischen Form also irgendwie blödsinnig. Dennoch bleibt das grundsätzliche Anliegen richtig und wichtig: Ich will nicht von meiner Arbeit aufgefressen werden. Das ist aber mehr Kunst als Wissenschaft – und bleibt für mich jedenfalls eine Herausforderung.

Frage: Wie betreibst Du Work-Life-Balance? Was sind Deine Erfahrungen damit? Was tust Du, damit Dich Deine Arbeit nicht auffrisst? Hinterlasse Deine Ideen gerne in Form eines Kommentars!

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4 responses to “Warum Work-Life-Balance irgendwie Blödsinn ist”

  1. preachitbaby says :

    Hallo Malte! Ich habe gerade erst deinen Blog entdeckt und musste bei dem Stichwort „Work-Life-Balance“ an einen Artikel denken, den ich erst heute früh bei Svenja Hofert gelesen habe: http://karriereblog.svenja-hofert.de/2013/11/work-life-bullshit-muessen-wir-unser-leben-vor-der-arbeit-schuetzen/ Sie setzt sich darin mit einem Buch auseinander, in dem der Autor gegen das Gerede von einer Work-Life-Balance argumentiert… allerdings mit anderen Argumenten als du. Zu deinen Punkten: Punkt 1 sehe ich völlig unabhängig vom Thema Work-Life-Balance. Hier geht es um ein grundsätzliches Problem der Verzweckung. Die Dinge nicht mehr um ihrer selbst willen tun, spielerisch, ohne eine bestimmte Absicht…. das ist der Weg, auf dem wir uns hier befinden. Selbst Freizeit hat einen Zweck, nämlich Erholung für die Arbeit. Das ist eine marxistische Anthropologie. Punkt 2 ist kritisch. Solange man gesund ist, ist die Überlappung ganz wunderbar, schwierig wird es, wenn die Arbeit die Freizeit hier völlig auffrisst, wie du ja selbst auch in deinem Fazit schreibst. Daher weiß ich auch nicht, ob wir uns mit all den Überlappungen immer so einen Gefallen tun… Punkt 3: meine uneingeschränkte Zustimmung 🙂 Und danke für die Gedankenanstöße in diesem Artikel! Liebe Grüße! Mathilda

    • Malte says :

      Hallo Mathilda,

      Danke für Deine Worte und den hilfreichen Link! Punkt 2 ist glaub ich auch wirklich kritisch. Work-Life-Blending ist vielleicht auch weniger etwas, was man aktiv anstrebt als vielmehr ein Phänomen, das unsere Zeit zunehmend prägt und mit dem wir dementsprechend irgendwie umgehen lernen müssen. Viel Erfolg und Freude Dir weiterhin beim Bloggen!

  2. theleaderoftomorrow says :

    Hallo Malte,
    Ich bin ganz deiner Meinung. Für mich bedeutet ein glückliches Leben auch keine perfekte Balance zwischen Arbeit und Freizeit – im Gegenteil! Je nach Lebensphase und Charakter ist es ganz natürlich mal mehr und mal weniger frei verfügbare Zeit zu haben bzw. Zu arbeiten – warum unnötige Ansprüche an sich selbst stellen?! Trotzdem finde ich einen gewisser Grad an Work Life Balance wichtig, um die jeweils andere Seite der Medaille wirklich genießen zu können und Dankbarkeit zu verspüren.

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