Zuckerbrot und Peitsche oder Schäferhund und Hirte?

Die Bibel enthält Anweisungen, die Bibel enthält Ethik. Das ist keine Frage. Eine spannende Frage ist es aber, wie wir das dann in der Predigt zur Sprache bringen. Unter unseren Kanzeln werden biblische Anweisungen vor allem nach zwei Mustern gepredigt. Doch welche zwei sind das und welches der beiden ist besser?

© Stuart Miles / FreeDigitalPhotos.net

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Ich brauche nur einen x-beliebigen Bibeltext aufzuschlagen und schon werde ich in der Regel beides darin entdecken: Den harten Anspruch Gottes und seinen liebevollen Zuspruch. Kluge Theologen reden hier gerne von Gesetz und Evangelium, obwohl ich mir da nicht sicher bin, ob Anspruch und Zuspruch das Gleiche ist wie Gesetz und Evangelium.

Dass man sich nun nicht eines von beidem aussuchen darf, darin sind sich wohl die meisten einig. Anspruch und Zuspruch – beides hat die Bibel, also will ich doch auch beides predigen. Damit ist die erste Grundentscheidung getroffen. Aber eine zweite, ungemein wichtige steht noch aus: Wie ordne ich beides einander zu? In welchem Verhältnis stehen Anspruch und Zuspruch? Ich begegne häufig zwei Modellen.

Das Modell Zuckerbrot und Peitsche

In diesem weit verbreiteten Modell ist der Anspruch Gottes über unser Leben gewissermaßen die Peitsche und seine liebevollen Zusagen das Zuckerbrot. Als Christ bin ich Mitarbeiter am Reiche Gottes. Manchmal bin ich niedergeschlagen, frustriert oder verzweifle an mir selbst. Dann kommt Gott mit seinem Zuspruch, dem Zuckerbrot. Er sagt mir, dass er mich trotzdem liebt und seine Liebe stärker ist als mein Frust. Das baut mich wieder auf.

Manchmal bin ich jedoch auch lasch, selbstverliebt und überheblich. Dann kommt Gott mit seinem Anspruch, der Peitsche. Er sagt mir deutlich, dass es so nicht weitergehen kann, weist mich wieder zurecht, in dem er mir sagt, was ich nun tun soll. In diesem Modell muss ich als Prediger also entscheiden, wo sich „meine“ Gemeinde gerade befindet. Sind sie niedergeschlagen? Dann predige ich den Zuspruch, das Zuckerbrot. Sind sie bequem geworden? Dann predige ich den Anspruch, die Peitsche.

In diesem Modell wird es in letzter Konsequenz immer darum gehen müssen, den Menschen in der Spur zu halten, um ein weiteres Bild zu gebrauchen. Kommt der Christ zu weit nach links ab, braucht er den Zuspruch, kommt er zu weit nach rechts, braucht er den Anspruch. Das Ziel ist der Mensch in der Mitte der Spur.

Das Modell Schäferhund und Hirte

Ganz anders ist da das Modell Schäferhund und Hirte. Diese Metapher habe ich in Klaus Eickhoffs Meisterwerk „Die Predigt beurteilen“ gefunden. Der Anspruch Gottes zeigt uns, was wir tun sollen. Aber der Anspruch Gottes zeigt uns noch etwas Zweites: Das was wir tun sollen, das tun wir oft gar nicht. Wäre ich ein Schaf, dann wäre der Anspruch der Schäferhund. Er baut sich knurrend vor mir auf und ich erschrecke mich. Ich laufe dann in die Arme des guten Hirten. Das Gesetz treibt hin zum Evangelium.

Ist es nach diesem Modell aber nun so, dass wir biblische Anweisungen nur noch in diesem überführenden Sinne predigen dürfen und nicht mehr als ganz praktische Anweisungen?  Anders gefragt: Wenn in der Bibel steht „Ihr sollt dies und das tun!“, dürfen wir dann nicht mehr predigen „Liebe Gemeinde, tut dies und das!“?

Doch! Darauf zu verzichten wäre Quatsch! Wenn Gott uns in der Bibel sagt, was wir tun sollen, dann sollen wir genau das auch tun.

Aber woher komm die Kraft und Motivation das Gute dann auch zu tun? Das ist der Knackpunkt. Hier unterscheiden sich die beiden Modelle. In dem Modell „Zuckerbrot und Peitsche“ gibt uns beides Kraft das Gute zu tun, wie wir es gerade brauchen. Anspruch und Zuspruch haben hier die gleiche Aufgabe, nur von zwei verschiedenen Seiten her.

Im Modell „Schäferhund und Hirte“ sieht es anders aus. Der Anspruch Gottes zeigt uns das Ziel unseres Handelns, aber die Kraftquelle ist eine andere. Die Kraftquelle ist das Evangelium, dass wir von Gott geliebt und gerechtfertigt worden sind. Eine gute Ethik ist dann eine logische Konsequenz.

Und was ist nun besser?

Ihr habt es wahrscheinlich schon herausgehört. Ich bin eindeutig ein Fan von Modell 2. Ich will Ethik als Konsequenz der Rechtfertigung predigen. Warum? Ich halte dieses Modell schlicht und einfach für biblischer. Ein paar Beispiele?

Mk 10,44+45: „und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ – Womit wird hier begründet, dass wir einander als Knechte dienen sollen? Damit, dass Jesus sein Leben für uns gegeben hat!

Oder denken wir an das Bild vom Baum und den guten Früchte. Kein Baum ist gesund, weil er gute Früchte hat, sondern weil er gesund ist, bringt er auch gute Früchte. Ethik ist Konsequenz.

Ich bin also für „Schäferhund und Hirte“ statt „Zuckerbrot und Peitsche“. Aber am Ende muss auch gesagt sein, dass ein Text auch so gepredigt werden sollte, wie er ist. Die Bibel ist immer noch größer als all unsere Schemata, mit der wir sie in ein System bringen wollen.

Fragen: Wie predigst Du Ethik? Fällt dir eine bessere Metapher für das Verhältnis von Anspruch und Zuspruch in der Predigt ein? Wie kann man ganz praktisch „Ethik als Konsequenz“ predigen? Ich freu mich auf deinen Kommentar!

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2 responses to “Zuckerbrot und Peitsche oder Schäferhund und Hirte?”

  1. Daniel says :

    Hmm, da geht es letztlich doch um die Frage nach der Reihenfolge von Anspruch und Zuspruch, von Evangelium und Gesetz. Und da finde auch ich das reformierte Modell einleuchtender: Aus dem Evangelium folgt das Gesetz, nicht umgekehrt. Das verträgt sich auch mit Paulus im Römerbrief, finde ich.

    • maltedetje says :

      🙂 Stimmt. Das hängt aber vom Gesetzesbegriff ab. Auf jeden Fall würde ich es auch so sehen, dass Ethik aus dem Evangelium folgt. Das Gesetz in Form des usus elenchticus jedoch ist meines Erachtens keine Konsequenz des Evangeliums, sondern führt – vergleichsweise klassisch – zum Evangelium hin.

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