Ich habe genug von Apologetik – jetzt will ich einmal kategorisch predigen

Apologie und Kategorie stehen für die beiden Spielweisen von Defensive und Offensive. Ich plädiere dafür, dass beides in einer Predigt seinen Platz hat. Aber warum ist das so und vor allem: Wie kann das praktisch aussehen?

© Kittisak / FreeDigitalPhotos.net

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Apologetisch predigen. Darunter verstehen wir in der Regel eine Predigt, die besonders Nicht-Christen ansprechen soll. Aber woher kommt der Begriff eigentlich?

Eine kurze Reise in die Geschichte : Apologie und Kategorie

Wir reisen zurück in das antike Griechenland. Wir stellen uns vor, es kommt zu einem Gerichtsprozess. Jemand ist angeklagt und die Argumente werden ausgetauscht, ob dieser Mann nun schuldig ist. Die Verteidigungsrede vor Gericht nannte man dabei die Apologie. Das Gegenteil davon war die Kategorie, die Anklagerede.

Wenn wir also apologetisch predigen, dann setzen wir uns auf die Anklagebank. Der Nicht-Christ hält uns all die Argumente entgegen, warum der christliche Glaube unsinnig ist. Das Leid in der Welt oder die Unglaubwürdigkeit von Wundern. Er klagt an. Wir versuchen es dann mit einer Verteidigungsrede. Mit der Apologie.

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Warum eigentlich die Position auf der Anklagebank so fraglos akzeptieren? Warum nicht einmal selber in die Offensive gehen? Warum nicht einmal kategorisch predigen?

Und in der Tat. In der Geschichte der Christenheit haben schon manche versucht, den Spieß umzudrehen. Man denke an die Schriften „Gegen die Heiden“ von Athanasius oder Thomas von Aquin.

Warum sollte ich nun kategorisch predigen?

Meiner Meinung nach schränkt ein apologetischer Ansatz im Gespräch mit Nicht-Christen die Realität viel zu sehr ein. Man fokussiert sich einseitig auf die Schwachstellen des christlichen Glaubens, auf die „10 Gründe, warum ich kein Christ sein kann“.

Ich möchte den Spieß jedoch auch einmal umdrehen. Auch der Atheismus hat seine Schwachstellen. Es gibt genauso „10 Gründe, warum ich kein Atheist sein kann“. Und über die möchte ich auch reden dürfen. Dann wird deutlich, dass nicht nur der christliche Glaube seine Probleme hat, sondern auch die Alternative Atheismus echte Stolpersteine mit sich bringt.

Einer natürlichen Theologie in Reinkultur möchte ich hier jedoch nicht das Wort reden. In letzter Konsequenz kann man Glauben nicht beweisen. Aber ein kleiner Schuss Kategorie könnte uns vielleicht hin und wieder gut tun.

Ganz praktisch: Wie kann eine kategorische Predigt aussehen?

Tim Keller weist darauf hin, dass wir das Evangelium nicht predigen können ohne auch die Götzen der Hörer zu zerstören, wie es Paulus in Ephesus getan hat (Apg 19,23-41). Götzen können postmoderne Sätze sein, wie: „Ich glaube nicht, was wahr ist, sondern was mir nutzt.“ Zerstören wir diese Götzen nicht, werden sie zu einem Filter für das Evangelium. „Ja, Jesus ist der Mittelpunkt meines Lebens“. Und dann schwingt heimlich der Nachschub mit „Solange es mir nützt.“ Solche oder ähnliche Götzen können Ziel einer kategorischen Predigt sein.

Hier fällt auf, dass eine kategorische Predigt auch eine starke Ähnlichkeit zur Predigt des Gesetzes in der Spannung von Gesetz und Evangelium hat.

  • Beispiel 2: Ethik

Für mich ist Ethik ein zutiefst „kategorisches“ Thema. Der Grund? Mit hat noch nie wirklich eingeleuchtet, wie Ethik ohne Gott in letzter Konsequenz funktionieren soll. Ethik beschäftigt sich ja mit der Frage, was wir tun sollen. Nun ist „Sollen“ jedoch keine naturwissenschaftliche Kategorie. Naturwissenschaften können nur beobachten, wie etwas ist, aber nicht, wie etwas sein soll. Für mich macht Ethik mit Gott viel mehr Sinn als ohne ihn.

Weitere Themen für eine kategorische Predigt wären vielleicht:

  • Sehnsucht
  • Sinn des Lebens
  • Leid
  • Menschenwürde
  • Tod

Und spätestens jetzt merkt jeder, dass der Übergang von der Kategorie zur Apologie wohl fließend ist.

2 letzte Anmerkungen…

  1. Ich habe die tiefe Überzeugung, dass bei uns als Christen die Stärke in unserer Schwäche liegt. Deshalb bin ich dem Platz auf der Anklagebank auch nicht ganz abgeneigt.
  2. Eine wichtige Unterscheidung: Wir holen bei unserer kategorischen Predigt nicht unser Gegenüber auf die Anklagebank (obwohl das in der Gesetzespredigt hin und wieder auch sein muss). Wir holen die Götzen und leeren Gedankengebäude (2Kor 10) auf die Anklagebank.

Frage: Welche Themen fallen Dir für eine kategorische Predigt ein? Wo hast Du dich einmal bei einer kategorischen Predigt unwohl gefühlt? Warum?

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2 responses to “Ich habe genug von Apologetik – jetzt will ich einmal kategorisch predigen”

  1. Lars Reimann says :

    Danke, das sind gute Gedanken! Unwohl fühle ich mich dann, wenn ich das Gefühl habe, eine kategorische Predigt wäre aus Selbstherrlichkeit gespeist – nicht aus Gottes Herrlichkeit…

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