Soll ich an meinen Stärken oder an meinen Schwächen arbeiten?

Es ist ein Ziel von Führungskräften, die Organisation, in der sie wirken, zu entwickeln. Oftmals beginnt dieser Entwicklungsprozess aber bei der Führungskraft selbst. Wir reden von Selbstentwicklung. Da ich jedoch nicht unbegrenzt Zeit habe, werde ich Prioritäten und Posterioritäten setzen müssen. So stellt sich die Frage: Soll ich meine Stärken ausbauen oder eher meine Schwächen ausmerzen?

© Stuart Miles / FreeDigitalPhotos.net

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Die Frage nach Stärke- oder Schwächeorientierung stellt sich jedoch nicht nur für mich ganz persönlich, sie stellt sich auch für ganze Organisationen wie etwa Kirchengemeinden. Diesbezüglich wird diese Frage durchaus kontrovers diskutiert. Sollen wir als Gemeinde mehr Kraft in die Arbeitsbereiche investieren, in denen wir eh schon gut sind? Oder sollten wir versuchen eine möglichst ausgeglichene Gemeinde zu sein und deshalb an unseren Schwachstellen arbeiten?

Der stärkeorientierte Ansatz

Einen eher stärkeorientierten Ansatz vertritt zum Beispiel die Willow Creek Community Church unter der Leitung von Bill Hybels. Hier wurden mitunter alle Kräfte auf die erfolgreichsten Arbeitsbereiche konzentriert. Dafür wurde sogar Energie von gut laufenden Arbeitsbereichen abgezogen. Hier wurde eine Denkart übernommen, wie sie in der Wirtschaft beispielsweise von General Electric umgesetzt wurde. In dem US-amerikanischen Unternehmen wurde jahrelang jede Sparte geschlossen, wenn diese in ihrer Branche nicht zu den besten zwei oder drei der Welt gehörte. Radikale Stärkeorientierung.

Der schwächeorientierte Ansatz

Eine ganz andere Philosophie vertritt dagegen Christian A. Schwarz mit seinem Konzept der „natürlichen Gemeindeentwicklung“. Seine zentrale Metapher ist ein großes Fass, das aus verschieden großen Dauben besteht. Nun stelle man sich vor, das Fass werde mit Wasser gefüllt. Wie viel Wasser kann das Fass fassen? Die Antwort ist klar: Die kürzeste Daube gibt das Limit an. Ab nun wird das Wasser überlaufen. Soll das Fass mehr Wasser enthalten können, wird man also an der kürzesten Daube arbeiten müssen. Gehen wir weg von der Bildebene, dann ist es der sogenannte „Minimumfaktor“, der das Gemeindewachstum bremst. An dieser Schwäche wird man arbeiten müssen, um Wachstum zu erreichen.

Stärke- oder Schwächeorientierung? Wer hat nun Recht?

Die meisten Experten sind sich einig: Grundsätzlich gilt die Stärkeorientierung

Ein Großteil der Literatur tendiert recht eindeutig in Richtung Stärkeorientierung. Ein eindrückliches Beispiel dafür sind die Studien des renommierten Gallup-Institutes zu diesem Thema. Eine Studie aus dem Jahr 2005 ergab Folgendes:

  • Ignoriert eine Führungskraft den Mitarbeiter, liegen die Chancen, dass der Mitarbeiter „actively disengaged“ ist, bei 40 %.
  • Konzentriert sich die Führungskraft auf die Schwächen des Mitarbeiters, liegen die Chancen, dass der Mitarbeiter „actively disengaged“ ist, bei 22 %.
  • Konzentriert sich die Führungskraft auf die Stärken des Mitarbeiters, liegen die Chancen, dass der Mitarbeiter „actively disengaged“ ist, bei 1%.

Daraus ergibt sich ein klares Plädoyer für die Stärkeorientierung. Das unterstreicht auch Fredmund Malik. Er weist darauf hin, dass man durch die Eliminierung von Schwächen keineswegs stark werde, sondern etwas ganz anderes entwickle: Mittelmäßigkeit. Schwächeorientierung führt also in der Tendenz zu Mittelmäßigkeit.

Stärkeorientierung: Ja, aber..

Frage: Soll ich nun meine Schwächen ignorieren? Antwort: Jain. Wir werden hinsichtlich unserer Schwächen unterscheiden müssen, in solche, die wir getrost ignorieren können und in solche, die wir doch bearbeiten müssen. Aber nach welchem Kriterium können wir das eine vom anderen unterscheiden?

Malik schreibt hierzu: „Das Training wird sich mit jenen Mängeln befassen und sie zu beseitigen suchen, die der vollen Entfaltung der Stärken im Weg stehen, nicht jedoch mit den anderen Schwächen.“

Das könnte eine interessante Kompromissformel sein: Ich arbeite grundsätzlich an meinen Stärken und zusätzlich an jenen Schwächen, die mich bei der Entfaltung meiner Stärken behindern.

Ach ja. Eine Sache noch. Es gibt so etwas wie ein Mindestmaß an Anstand, was auch der Ansatz der Stärkeorientierung nicht aushebeln kann. Wer regelmäßig zu spät kommt, kann sich nicht damit entschuldigen, dass Pünktlichkeit nun einmal nicht seine Stärke ist. Aber versuchen kann man es ja mal… 😉

Frage: Kennst Du Deine Stärken? Was tust Du aktiv und bewusst, um deine Stärken kennenzulernen und zu entwickeln?

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6 responses to “Soll ich an meinen Stärken oder an meinen Schwächen arbeiten?”

  1. Lukas King says :

    sehr interessant 🙂 Der Gedanken, dass man durch Schwächenorientierung Mittelmäßigkeit hervorbringt ist mir zwar noch nie gekommen, ist aber sehr eingängig. Ich denke, das ist echt ein Thema, über das man viel nachdenken kann – und auch sollte. Und das gilt sogar nicht nur für die Gemeindearbeit 🙂

  2. Ulf Fiebrandt says :

    Zufall? Ich habe vor 3 Monaten das Leitungsbuch von Malik mal überflogen und quergelesen und da habe ich genau bei der Schwächenarbeit bringt einem zur Mittelmäßigkeit hängengeblieben. Außerdem lese ich gerade Next Geneartion Leader von Andy Stanley. Das ist in Teilen auch sehr zu empfehlen. Aber das kennst Du sicher. LG Fiebi

    • maltedetje says :

      Hey Fiebi,
      Andy Stanleys Buch kenne ich tatsächlich noch nicht, höre aber seine Podcasts. Wenn der Tag doch nur 30 Stunden hätte… 🙂 Was meinst Du mit „in Teilen“? Warum sollte ich es lesen?

  3. Peter says :

    Im persönlichen Bereich gefällt mir diese Unterscheidung: Arbeite an den Stärken im Bereich der Begabungen – Arbeite den Schwächen im Bereich deines Charakters.

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