Zur Diktatur genötigt – Warum Demokratie in der Gemeinde vor dem Aus stehen könnte

Es klingt auf den ersten Blick ausgesprochen provokativ, aber dennoch könnte da etwas dran sein: Demokratie ist für unsere Kirchengemeinden ein Auslaufmodell und das obwohl uns viele Experten entgegenschreien: „Ihr müsst eure Gemeinden mehr beteiligen!“. Diese Forderung aber könnte mehr und mehr zu einem Ding der Unmöglichkeit werden.

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Eines muss ich klarstellen: Ich selbst bin ein großer Freund von partizipativer Führung und mit Freude Demokrat. Je mehr Menschen beteiligt werden, je mehr Christen gemeinsam eine Vision von Gemeinde entdecken, desto besser. Aber ich merke auch, obwohl ich das will, ist es manchmal einfach nicht möglich. Warum?

Direktionale und Partizipative Führung

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns den grundlegenden Unterschied zwischen direktionaler und partizipativer Führung anschauen:

  • Direktionale Führung: Hier wird nach dem Schema von „Befehl und Gehorsam“ geführt. Was oben gesagt wird, wird unten getan. Der Nachteil: Die einzelnen Teammitglieder sind in der Regel unselbständig. Der Vorteil: Es kann schnell gehandelt werden. Nicht umsonst hat sich diese Führungsform im Militär etabliert. Unter Zeitdruck ist sie sehr effektiv.
  • Partizipative Führung: Führung heißt hier, alle Teammitglieder in den Entscheidungsfindungsprozess mit einzubeziehen. Der Vorteil: Die Identifikation mit der getroffenen Entscheidung ist hoch. Der Nachteil: Der Prozess benötigt mehr Zeit. Das Ergebnis ist also besser, aber der Aufwand ist auch größer.

Wir sehen: Partizipative Führung braucht Zeit. Wer die Gemeinde ganz und gar demokratisch gestalten will, benötigt einfach Zeit.

Wir haben keine Zeit mehr

Und genau hier liegt die Crux: Wir haben als Gemeinde weniger und weniger von dieser kostbaren Ressource Zeit zur Verfügung. Und zwar nicht nur auf Seiten der Leiter, sondern immer mehr auf Seiten der Geleiteten. Früher musste man es den Pastoren einschärfen, dass Sie sich mehr Zeit dafür nehmen, die Gemeinde in Entscheidungen einzubeziehen. Heute können Sie es manchmal noch so wollen, die Gemeinde ist es, die keine Zeit mehr hat. Ich selbst habe es erlebt: Über 30 Personen waren eingeladen eine gemeinsame Vision zu entdecken. Und es kamen weniger als 5. Haben die Menschen einfach keine Zeit mehr für Demokratie?

Der US-Amerikanische Theologe Eddie Gibbs weist deshalb darauf hin, dass der richtige Umgang mit dem Zeitbudget der Gemeindeglieder eine wichtige Herausforderung für die Leiter der Zukunft ist. Die Menschen seien immer noch bereit, sich in der Gemeinde zu investieren, nur ist ihr Beruf immer intensiver und auch zeitlich flexibel. In Los Angeles arbeiten nach Gibbs bereits 20% der Menschen auch sonntags.

Auf der Suche nach einer Lösung

Wie ist das Problem zu lösen? Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich es auch nicht genau. Ich suche aber eine Lösung in der folgenden Richtung:

  1. Den Terminkalender der Gemeinde entschlacken: Wir müssen wohl noch radikaler den Rotstift ansetzen. Alle unnötigen Veranstaltungen und Zeitfresser müssen wir entfernen. Welche Ausschüsse sind eigentlich wirklich noch nötig?
  2. In banalen Dingen allein entscheiden: Nicht alles muss von allen entschieden werden. Besonders in Detailfragen können wir anderen Menschen Entscheidungen abnehmen, ohne dass es jemand vermissen wird, nicht mit einbezogen worden zu sein.
  3. Bei Richtungsentscheidungen die frei gewordenen Kapazitäten nutzen: Die ersten beiden Schritte sind wichtig, um hierfür Raum zu schaffen. Wenn es darum geht, welchen Kurs das Schiff Gemeinde einschlägt, brauchen wir ein Maximum an Partizipation.

Demokratie steht in der Gemeinde wohl nicht wirklich vor dem Aus. Obwohl: In vielen banalen Aspekten der Gemeindearbeit sollten wir vielleicht wirklich auf Sie verzichten, um für das Große und Ganze alle mit einbinden zu können.

Frage: Ist es Dir auch schon einmal so gegangen, dass Du jemanden mit einbinden wolltest, er aber einfach keine Zeit dafür hatte? Was tust Du, um die Gemeinde mehr einzubeziehen?

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2 responses to “Zur Diktatur genötigt – Warum Demokratie in der Gemeinde vor dem Aus stehen könnte”

  1. Asaph says :

    Bei deinem Post fiel mir ein Buchtitel ein, den ich schon länger zurück mal in einem Verlagsflyer gesehen habe (also noch nicht gelesen): http://www.clv.de/Buecher/Gemeinde-Gemeindearbeit/Weder-Diktatur-noch-Demokratie.html

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